Skip to main content

Full text of "Über die humoristische Prosa des XIX Jahrhunderts"

See other formats


This is a digital copy of a book that was preserved for generations on library shelves before it was carefully scanned by Google as part of a project 
to make the world's books discoverable online. 

It has survived long enough for the Copyright to expire and the book to enter the public domain. A public domain book is one that was never subject 
to Copyright or whose legal Copyright term has expired. Whether a book is in the public domain may vary country to country. Public domain books 
are our gateways to the past, representing a wealth of history, culture and knowledge that 's often difficult to discover. 

Marks, notations and other marginalia present in the original volume will appear in this file - a reminder of this book's long journey from the 
publisher to a library and finally to you. 

Usage guidelines 

Google is proud to partner with libraries to digitize public domain materials and make them widely accessible. Public domain books belong to the 
public and we are merely their custodians. Nevertheless, this work is expensive, so in order to keep providing this resource, we have taken Steps to 
prevent abuse by commercial parties, including placing technical restrictions on automated querying. 

We also ask that you: 

+ Make non- commercial use of the file s We designed Google Book Search for use by individuals, and we request that you use these files for 
personal, non-commercial purposes. 

+ Refrain from automated querying Do not send automated queries of any sort to Google's System: If you are conducting research on machine 
translation, optical character recognition or other areas where access to a large amount of text is helpful, please contact us. We encourage the 
use of public domain materials for these purposes and may be able to help. 

+ Maintain attribution The Google "watermark" you see on each file is essential for informing people about this project and helping them find 
additional materials through Google Book Search. Please do not remove it. 

+ Keep it legal Whatever your use, remember that you are responsible for ensuring that what you are doing is legal. Do not assume that just 
because we believe a book is in the public domain for users in the United States, that the work is also in the public domain for users in other 
countries. Whether a book is still in Copyright varies from country to country, and we can't off er guidance on whether any specific use of 
any specific book is allowed. Please do not assume that a book's appearance in Google Book Search means it can be used in any manner 
any where in the world. Copyright infringement liability can be quite severe. 

About Google Book Search 

Google's mission is to organize the world's Information and to make it universally accessible and useful. Google Book Search helps readers 
discover the world's books while helping authors and publishers reach new audiences. You can search through the füll text of this book on the web 

at http : //books . google . com/| 



Digitized by VjOOQIC 



FROMTHE-LIBRARY-OF- 
- KONRAD 'BURDACH- 




; üigjtrr^'^t. 



Q^ 



Digitized by CjOOQIC 



Digitized by CjOOQIC 



über 

die humoristische Prosa 

des XIX. Jahrhunderts. 



Digitized by VjOOQIC 



Digitized by VjOOQIC 



Über die 

EUMOBISTISCHE PROSA 

DES 

XIX. JAÖMOTDERTS. 

Von 

ANTON SCHÖNBACH. 



GRAZ. 

LEUSCHNER & LUBENSKY, 

K. K. ÜNIVEBSITATS-BCCHHANDLÜKG. 

1875. 



Digitized by VjOOQIC 



rnttmiA 



Vereins-Buchd ruckerei in Graz 



Digitized by CjOOQIC 






MEINEM VEREHRTEN FREUNDE 



Adolph ^chauenstein 



IN DANKBARER TREUE 



ZUGEEIGNET 



JVI344/795 

Digitized by CjOOQIC 



Digitized by VjOOQIC 



Vorwort. 






Die folgenden Aufsätze wurden am 15., 16. und 
17. Februar 1875 im Grazer landschaftlichen Rittersaale 
für die Witwenkasse des Steiermärkischen Schriftsteller- 
vereines gelesen. Es schien nicht nötig, die Form, welche 
sie damals hatten, wesentlich zu ändern, und wenn in 
mehreren Sätzen eine unmittelbare Beziehung zwischen 
den Lesern und dem Autor hergestellt ist, so werden 
Wolwollende das verzeihen. 

Auch die Schlussworte der zweiten Vorlesung wur- 
den nicht fortgelassen, weil sie dem Verfasser durch die 
zunehmende Erschlaffung der jüngsten Generation gebil- 
deter Österreicher, welche die Schopenhauer'sche Doktrin 
als Legitimationskarte vorweisen, gerechtfertigt scheinen. 
Im Übrigen stimmt er der ruhigen Würdigung des Frank- 
furter Philosophen vollkommen zu, welche Karl Hille- 
brand soeben (Zeiten, Völker und Menschen II. 353 ff.) 
ausgesprochen hat. 



Digitized by CjOOQIC 



Der Titel des Büchleins hätte vielleicht andeuten 
sollen, dass es sich darin nur um germanische Schrift- 
steller handle. Aber da Humor allenthalben als eigenste 
Domäne des germanischen Geistes betrachtet wird, so 
dürfte die gewählte kürzere Bezeichnung kaum zu Miss- 
verständnissen Anlass geben. 

Man wird leicht erkennen, dass in den hier ange- 
stellten Betrachtungen ganz vorzugsweise der Versuch 
gewagt ist, die Unterschiede in der Technik des humo- 
ristischen Romans bei den drei Hauptvölkern hervor- 
zuheben und ihre Entwicklung aufzuzeigen. Sollte es 
gelungen sein, diess deutlich vorzubringen und wird die 
Darstellung nicht allzu schwerfäUig befunden, so ist der 
Verfasser mit seiner Arbeit zufrieden. 

Graz, am l. Mai 1875. ^ . ' 



Digitized by CjOOQIC 



Wer es heute versucht, die geistige Entwicklung 
eines deutschen Dichters im XIII. Jahrhunderte sich klar 
zu machen aus den Liedern oder Erzählungen, aus den 
Gebeten oder frommen Betrachtungen , welche späte 
Schreiber von ihm uns überliefert haben, der wird mit 
einer leicht aufzählbaren Reihe äusserer Mittel seine Un- 
tersuchung zu führen haben. Vorerst wird er nach der 
Quelle forschen, die der Alte bearbeitete. Verwehte nicht 
ein böser Zufall die Blätter, auf die es ankommt, so ist 
es im allgemeinen unschwer, die Vorlage aufzuspüren. 
Denn sehr dürftig ist die Bücherkenntniss auch des Ge- 
bildetsten jener Tage, und die Zahl der Standard-books, 
welche in keiner Sammlung fehlen durften, ist gering. 
Welchen Gebrauch hat der neue Schaffende von den 
Gedanken gemacht, die sein Vorgänger lieferte? lautet 
die nächste Frage. Und aus den Auslassungen, den Zu- 
taten und Umgestaltungen suchen wir die Kraft des 
Poeten zu erkennen. Wir gehen noch w^eiter. Im Mittel- 
alter bildet sich jede Gattung dichterischer Arbeit ihren 



1* 



Digitized by 



Google 



eigenen Vorrat von Worten und Sätzen. Aus diesem 
gemeinsamen Vorrat zu schöpfen ist keine Schande und 
mancher Dichter, der unter seinen Genossen für geschickt 
galt, vvusste nur aus den überkommenen Phrasen sein 
Kunstwerk zusammenzukleben, wie man etwa ein neues 
Mosaikbild aus den Stiften schaffen könnte, welche vor- 
mals verschiedenen Gemälden angehörten. Wir werden 
also auch hier Gelegenheit haben, das Eigentum des 
neuen Dichters zu prüfen, se^ne Fähigkeiten zu erkunden. 
Freilich bleibt der gründlichsten philologischen Unter- 
suchung eine unauflösliche Masse übrig, der nicht bei- 
zukommen ist. Was der Dichter von der Welt gewusst 
hat, erfahren wir zur Not, nur selten, wie er die Welt 
verstanden. Auch welche Kraft in der Tiefe seines 
Gemütes ihn zum Schaffen trieb, was von Bewegungen 
seiner Seele mit dem Leben seiner Mitmenschen ihn zu- 
sammenhielt, ist uns meistens unerkennbar. Die exacte 
Arbeit des Philologen muss hier fortgesetzt werden durch 
Vermutungen und Annahmen, die auf dem innigen Ver^ 
ständniss der Dichtungen sich aufbauen. 

Ungleich besser wird es uns mit einem Dichter 
der neuesten Zeit. In lyrischen Gedichten offenbart er 
seine Stimmungen, schreibt wohl auch Jahr und Tag der 
Abfassung hinzu ^ damit wir über den Wandel seiner 
Empfindungen nicht im Unklaren bleiben. In seinen Ro- 
maneil setzt er uns auseinander, wie er sich Welt und 
Leben denktj vielleicht auch^ was er daran anders sich 
wünscht. In seinen Dramen steckt er sich bald -hinter 
den Helden, bald hinter eine breitgeratene Episodenfigur, 
um über seine Grundsätze, seine Moral und die Stei- 
gerung seiner Leidenschäften uns aufzuklären. Noch 
mehr. Auf dass wir auch wissen, was er getan und gedacht 



Digitized by 



Google 



hat, w€nn er nicl>t eben dichtete, gibt es grosse, bände- 
reiche Briefwechsel, welche uns die intimsten persönlichen 
Beziehungen neben den geringsten Aeusserlichkeiten vor- 
führen, uns den Verfasser als im Leben kämpfenden 
Menschen zeigen und auch seine kleinen Zeitgenossen, 
also den Boden, aus dem er selbst aufwuchs, unserem 
Verständnisse näher bringen. 

Wir sind somit reichlich versorgt. Unsere philolo- 
gischen Instrumente^ die wir bei der Forschung über den 
alten Dichter gebrauchen lernten, können wir ruhig wieder 
bei Seite legen. Und was wollten wir auch mit ihnen? 
Quellenuntersuchung ! Der moderne Dichter entnimmt 
wenig mehr als die rohesten Motive und etwa gewisse 
versteinert gewordene Typen aus dem Stoffbuch. Werden 
wir hier mehr an's Licht bringen , als dass der Dichter 
seine Prosa nach Lessing oder Goethe gebildet hat? 

Und doch, in der Tat, das Thema für die philo- 
logische Arbeit ist der neuen und neuesten Literatur gegen- 
über dasselbe geblieben, nur der Umfang hat sich gewal- 
tig geändert, die umgrenzenden Linien sind nach allen 
Seiten hin ausserordentlich weiter geworden, Auch für 
den Philologen und Litterarhistoriker, welclier seine For- 
schung dem XVIII. und XIX. Jahrhundert zuwendet, ist 
die höchste Aufgabe, das Werden des dichterischen Ge- 
nius zu erklären, aus der Erkenntniss der geistigen Bewe- 
gungen seiner Zeit heraus seine Tätigkeit und deren 
Bedeutung für uns verstehen zu lernen. Wir werden 
nicht nach der Herkunft der einzelnen Worte fragen, die 
uns der Dichter bringt, denn die Herrschaft über die 
Sprache ist allen Gebildeten gemein, wir werden nur 
selten an der Deutung einer Stelle uns abmühen müssen, 
denn wir stehen auf demselben Boden mit dem Autor. 



Digitized by 



Google 



6 



In dem übergrossen, in immerwährendem Fhisse befind- 
lichen Reichtume modernen Gedanken- und Empfindungs- 
lebens haben ganze geistige Richtungen die Bedeutung 
gewonnen, welche in alter Zeit die einzelnen Phrasen 
besassen. Die Gedankenarbeit vieler Geschlechter, in langen 
Linien laufend, hat sich zu Resultierenden zusammengefasst 
— und diese Resultierenden «rst sind die Elemente mo- 
dernen geistigen Lebens, einfach erscheinend und nur dem 
Auge des Geübten als zusammengesetzt erkennbar. Das 
Addieren der Gedanken in alter Zeit ist heute nicht nur 
zum Multiplizieren sondern sogar zum Potenzieren gewor- 
den, die Richtung des Weges, das Ziel der Operation ist 
gleich geblieben. Die Verdichtung der Ideeen hat unsere 
geistige Arbeit zu einer sehr komplizierten umgebildet, 
aber ihre Bahnen nicht verschoben. Auch für die ganze 
Welt des Empfindens gilt das Gesagte. 

Wie steht es nun mit unseren philologischen Mit- 
teln? Die Methode der Untersuchung wird dieselbe bleiben 
dürfen, von den Mitteln wird die allgemeine Steigerung 
und Entwicklung mitgemacht werden müssen. Da wir 
selbst innerhalb der modernen Bildung stehen, scheint 
die Sache recht einfach. — Doch nicht, sie scheint es 
nur. Denn ein anderes ist es, dieselben Elemente Aes 
geistigen Lebens in sich aufnehmen, ein anderes, diese 
Elemente sondern, ihre Entwicklung verfolgen und ihr 
Zusammenfinden erklären. Noch dazu in den Werken 
eines andern. Wer die Entwicklung des modernen Gei^ 
steslebens zum Objekte einer historisch - philologischen 
Untersuchung machen w^ollte, der müsste sich selbst dem 
Einflüsse der Richtungen entziehen können, welche seine 
eigene Gedankenwelt bestimmen. Niemand wird die ausser- 
ordentliche Schwierigkeit solchen Unternehmens leugnen. 



Digitized by 



Google 



Ich schicke diese Sätze meiner Darstellung voraus, 
damit meine Bitte um die grosse Nachsicht, welche ich 
von Ihnen für das Folgende in Anspruch nehme, noch 
besser begründet erscheine, als sie es in dem Ausmasse 
meiner Kräfte ohnediess wäre. 

Noch eins. Ich berücksichtige in meinen Erörte- 
rungen über den Humor in den germanischen Litteraturen 
des XIX. Jahrhunderts nur die Darstellungen in unge- 
bundener Rede. In Betracht kommen für mich diessmal 
Deutsche, Engländer, Amerikaner, nebenher auch skan- 
dinavische Dichter. Ich beginne naturgemäss mit England. 

Nicht allzulange nach dem Tode Walter Scotts hat 
Charles Dickens, unser Boz, das Szepter aufgenommen, 
welches dem grossen Schotten entfallen war und ist der 
gekrönte Poet des Romanes geworden. Die umfangreiche 
Biographie des Dichters durch John Forster lässt seinen 
äusseren und inneren Entwicklungsgang mit aller Deut- 
lichkeit verfolgen. Dickens hat keine fröhliche Jugend 
gehabt. Er ist unter drückenden Verhältnissen aufgewachsen, 
Heiterkeit und Munterkeit war seinen Knabenjahren ver- 
sagt. Nur mühsam konnte er sich die nötigsten Kenntnisse 
erringen, vieles hat er als Mann hinzugefügt. Der Beruf 
(des Berichterstatters, den Dickens mit glückUchem Scharf- 
blick ergriff, verschaffte ihm den Eintritt in die litterarischen 
Kreise der Hauptstadt. Hatte ihn die Not in seiner Jugend 
mit Menschen zu verkehren gezwungen, von deren Lage 
Begünstigtere erst durch den Polizeibericht erfahren, so 
zwang ihm seine Stellung als JournaHst scharfe Beob- 
achtung, präzises Urteil auf, nötigte ihn, mit kurzen 
Worten aus den Parlaments- und Vereinsreden das 
Wichtigste herauszuheben und verschaffte seinem Stil die 
Eigenschaften, welche ihn vor dem aller zeitgenössischen 



Digitized by 



G.oogle 



8 



Schriftsteller kennzeichnen. Dickens besass eine bedeutende 
Arbeitskraft. Ihr danken wir die stattliche Reihe von 
Romanen und die grosse Zahl von Aufsätzen aller Art^ 
die in Zeitschriften verstreut sind. 

Es ist unmöglich, in ein Bild die ganze bunte 
Fülle von Gestalten zusammenzudrängen , welche von 
Bozens Arbeitstische aus in die Welt gewandert sind^ 
von denen wir die meisten liebgewannen und von denen 
viele wohl für immer im Gedächtnisse der germanischen 
Völker sich Raum erworben haben. Da isf Pickwick 
fröhlich und wohlgemut, hinter den breiten Brillen zwin- 
kern die schalkhaften Augen> denn er führt Arabella Allen, 
die Gemahlin des kühnen Sportsman Nathanael Winkle. 
Sam Weller selbstbewusst hinterdrein. Die lustigsten 
Sprichwörter sprudeln in seinem Kopfe , er denkt an 
das neue kleine Haus, das er und Mary jetzt bewohnen^ 

In anmutiger Gruppe ist David Copperfield mit 
Dora und Paula vereint, ferne schleicht Urich Heep 
mit verzweifelter Miene. Aus der Tiefe des Brunnens 
blicken die schmerzvollen, edlen Züge Stephen Blackwoods, 
am Rande kniet Rachel, die liebevolle Dulderin. Der spie- 
lende Grossvater und die arme Nelly, Eduard und Little 
Dorrit. Fagin, der Jude, im Gerichtssaale und die Leichen- 
räuber auf der Themse — doch wozu soll ich weiter 
noch Namen aufzählen? 

Über all diesen Menschen und Scenen schwebt 
Bozens unvergleichlicher Humor. Der Humor, welcher 
mit selbstbewusstem Stolze uns das grossartige Treiben 
des Londoner Lebens vorführt und den Komfort im stillen 
Leben des Gutsbesitzers. Der Humor, welcher uns mit 
frohem Antlitz den Jungen zeigt, der sich arbeitend hiu^ 
durchringt und sein treues Gemüt bewahrt. Derselbe 



Digitized by 



Google 



Humor, welcher den hartgesottenen, in allen Kniflfen 
wohlerfahrenen " Emporkömmling in seiner kläglichen 
Schwäche uns schildert und zürnend die Faust schüttelt 
über den Armseligen, der das Heil des Lebens von sich 
weist und mit den Seelen rechnet wie mit den Zahlen 
im Hauptbuch. Der Humor, der so warm von dem Glück 
erzählt, das die Liebe einer Frau ausbreitet am Herde 
des armen Fuhrmanns, in der Stube des Schreibers, in 
der Zelle des Schuldgefängnisses. Versöhnend erleuchtet 
und erwärmt dieser Humor alle die mannigfaltigen Ge- 
bilde der Bozschen Dichtungen. Er quillt hervor aus der 
reinsten Herzensgüte. Oder wen hätte es nicht gerührt, 
zu lesen, wie Dickens in seinen Skizzen aus Amerika, 
die ihm so viel feindliche Nachrede geschaffen haben, 
gleich im Beginne reiclie Auszüge aus dem Tagebuche 
bringt, welches Dr. Howe im Hospitale zu Boston über 
die Erziehung eines kleinen Mädchen geführt hat, das 
von allen Sinnen nur mehr das Tastgefühl besass? 

Es fehlt den Romanen von Boz nicht an Mängeln. 
Wenn er an den Heuchler geräth, oder an den, der seine 
Kraft in Misshaudlung des Schwachen schändet, dann 
zeichnet sein Hass scheussliche Missgestalten. Squeers in 
Nicolas Nickleby, Quilp in Master Humphrey's Clock 
gehören hieher. Die vornehme Welt ist Dickens unbekannt. 
Er überschreitet daher auch nur selten ihre Schwelle und 
wenn er einmal eine Zeichnung von dorther bringt, so 
ist sie falsch. Seine jungen Lords wie seine Dudleys in 
Bleakhouse sind Karrikaturen. Auch in der kühlen Luft 
hoher Bildung fühlt Boz sich nicht heimisch, er meidet 
sie ängstlich. Am wohlsten befindet er sich ini Hause des 
behäbigen Bürgers, des Kaufmanns, des Arbeiters -- — in 
London. 



Digitized by 



Google 



10 

Der Standpunkt, von dem aus diese Einseitigkeit 
Dickens beurteilt wird, ist stets ein subjektiver. Eine 
eigentümliche Schwäche aber an den Romanen des Gefei- 
erten nehmen alle wahr, alle Kritiker haben sie besprochen. 
Seine Werke fallen gegen den Schluss auffallend ab. 
Man könnte diesen Umstand ganz allgemein dem Ermatten 
der dichterischen Kraft zuschreiben. Die Zahl der Schrift- 
steller, welche sich bis ans Ende ihrer Arbeit in gleicher 
Stimmung halten oder dieselbe gar steigern können, ist 
nicht allzugross. Aber dieses Abfallen bei Boz ist von 
so besonderer Art. Immer mehr und mehr verlieren in 
den letzten Teilen die Hauptfiguren aller Romane ihre 
individuellen Züge, sie, die anfangs so frisch und lebens- 
kraftig gewesen, an deren Leibe jede Muskel von dem 
frohen Uebermute des Gesunden strotzte, schwinden all- 
gemach zu Schemen. Der Pickwick, welcher in der ersten 
Hälfte des Romanes ein so fröhlicher alter Knabe war, an 
dessen heiteren Launen und seltsamen Studien wir uns 
lachend erfreuen, erscheint zuletzt als das abstrakte Prin- 
zip der Nächstenliebe. 

Die jungen Helden alle, deren Ankämpfen gegen 
Armut und Not wir Anfangs mit wärmster Teilnahme 
verfolgten, entschwinden endlich als kahle Engel unserem 
Gesichtskreise. 

Die Schurken, welche uns wichtig geworden waren 
durch ihre Energie und die rücksichtslose Kühnheit ihres 
Treibens, entlarven sich schliesslich als abscheuliche Ge- 
rippe, denen Blättchen auf die Stirn geheftet sind mit den 
Inschriften: der Neid, der Geiz, die Heuchelei. 

Was ist die Ursache dieses merkwürdigen Wandels, 
dem sogar Dolly Varden, die liebe, prächtige Dolly Varden 
nicht entgangen ist. Vielleicht irre ich nicht, wenn ich 



Digitized by CjOOQIC 



11 

glaube, dass diese Erscheinung verstehen auch zugleich 
heisst, die Schöpfung der meisten und wichtigsten Gestal- 
ten in Bozen*s Romanen begreifen. 

Um es kurz zu sagen, diese Figuren sind nach der 
Art von Typen erfunden. Eine bestimmte Eigenschaft, ein 
gewisses Prinzip, eine eigentümliche Lebensanschauung 
hat die neue Person darzustellen. Aus seinen reichen 
Erfahrungen stattet nun Boz diese Person mit einer Fülle 
besonderer, lebhafter Züge aus. 

Aber allmählig erlahmt sein Interesse, er gibt die 
Anfügung neuer Eigentümlichkeiten auf und begnügt sich 
mit dem Eindruck, den das erste Auftreten der Figur auf 
ihn selbst und die Leser gemacht hat. So kräftig dieser 
Eindruck auch war, er vermag nicht nachzuhalten. Die 
Umrisse, die farbenreich genug gezeichnet waren, ver- 
schwimmen und wir haben wieder die Eigenschaft, das 
Prinzip. Pickwick ist nicht e i n Pickwick, sondern der 
Pickwick, Harald Skimpole und Inspektor Bücket sind der 
ästhetische Vagant und der ideale Detektive, Sir Thomas 
Gradgrind ist nicht irgend ein reicher Fabrikant, son- 
dern der reiche Fabrikant, für welchen das Leben in ein 
arithmetisches Exempel aufgeht, Dombey der, grosse Kaufr 
mann, bei dem das Selbstgefühl der Repräsentation seines 
Hauses alle andern Empfindungen unterdrückt. Man wolle 
mich nicht missverstehen. Sam Weller ist gewiss noch 
von Niemandem als Vertreter der englischen Bedienten 
angesehen worden und loe in den grossen Erwartungen 
war noch für Niemanden Vertreter der brittischen Schmiede. 

Es sei erlaubt ein Bild zu gebrauchen. Ein Maler 
legt mit guten Farben eine ganz schematische Figur an. 
Er fügt nun mit glänzenden, aber wenig haltbaren Farben 
allerlei kleine Züge bei, welche ihr frisches Leben leihen. 



Digitized by CjOOQIC 



12 



Im Laufe der Zeit verblassen diese koloristischeil Details 
und die schematische Figur tritt deutlich hervor, den 
Beschauer verstimmend. Dass diese Auffassung von Bozen's 
Art zu arbeiten richtig ist, scheint mir durch seine klei- 
nen älteren Aufsätze bewiesen zu werden, vor Allem durch 
die London Sketches. Noch spät, als Boz schon seine 
besten Romane geschrieben hatte, behielt er sogar in den 
Aufzeichnungen über Amerika, in seinen Bepbachtungen 
diese Methode bei. Man vergleiche insbesondere in den 
American Notes die Schilderung der beiden Irländer Nevv- 
york, Broadway. Hat Boz diese Art zu erzählen erfunden^ 
ist sie sein Eigentum oder hat er sie, die schon vor- 
handene in souveränen Gebrauch genommen? 

Gehen wir ein bischen zurück in der Geschichte des 
englischen Romans. 

Von Walter Scott hat Dickens nichts gelernt als 
die Anordnung der grossen Aufruhrscenen in Barnaby 
Rudge. Das Wesen der beiden Dichter ist ein grundver- 
schiedenes. Aus der genauesten und. vertrautesten Kennt- 
niss des Lebens seines Volkes schuf Walter Scott's Phan- 
tasie die prächtigen Bilder der Gegenwart und Vergan- 



genheit Schottlands. Auch Scott ist in gewissem Sinne 
Realist, ja, so paradox es klingen mag, er ist es vielleicht 
mehr als Boz. Seine Helden sind consequenter und stren- 
ger gezeichnet. Man denke an Oldbuck, an Dugalci 

Dalgetty, Also weiter zurück. 

Und da kann ich denn nicht umhin, an den grossen 
Humoristen des XVIII. Jahrhunderts, an Fielding und Smol- 
let dieselbe Art der Arbeit zu entdecken, welche wir bei Boz 
gefunden haben. Dass Fielding's Romane trotz ihrer Wie- 
derholungen, trotz der leichtfertigen Charakterisierung der 
Hauptpersonen und der wohlfeijen Erfindung, mit grosser 



Digitized by 



Google 



13 

Sorgfalt gearbeitet sind, weiss man. Und -wer es nicht 
wüsste, könnte es aus den Einleitungen ersehen, welche 
Fielding jedem der XVIII Bücher seines Tom Jones vor- 
ausschickt. Sie sind für iins noch von. besonderem Inte- 
resse. Sie zeigen nämlieh klar, dass auch hier das Haupt- 
motiv früher da war als die Situationen, dass die Cha- 
raktere des Helden/der Heldin und der wichtigsten Neben* 
figuren schematisch erfunden sind, und erst im Verlauf 
der Erzählung mit den Zügen ausgestattet werden, von 
denen der Verfasser in seinen Lebenserfahrungen einen 
grossen Schatz angehäuft hatte. In den letzten Kapiteln 
dieses mit Recht berühmten Romans von Fielding nehmen 
Avir dasselbe Verschwinden der persönlichen Eigentüm- 
lichkeiten des Helden wahr, dasselbe Einschrumpfen zu 
Abstraktionen, welches ganz unabhängig ist von der Bes- 
serung, die Tom Jones an den Tag legen soll. Der fristhe 
Strom des Stoffes verläuft sich und lässt die dürren Linien 
des Planes übrig. 

Ebenso steht es mit SmoUett's Romanen. Wenn 
man ganz absieht davon, dass auch bei diesem die Haupt- 
person immer der lüderliche, rohe Bengel ist, der in die 
Welt hinausläuft oder hinausgestossen wird, um in langer, 
harter Schule erzogen zu werden, dass er auch hier 
von einer Kneipe in die andere gejagt wird und dass das 
Wirtshaus als der einzige Ort gilt, an dem Menschen zu 
treffen sind — freilich wird dieses dürftige Mittel zu den 
reichsten, wahrsten und ergreifendsten Schilderungen des 
Lebens verwertet — wenn man auch noch davon absieht, 
dass Sniollett zwar mehr Erfahrung besitzt als Fielding 
aber dafür um vieles ungeschlachter ist als dieser — die 
wichtigsten Teilnehmer der Handlung sind auch in Smol- 
let's Romanen stets theoretisch konstruirt. Roderick Ran- 



Digitized by CjOOQIC 



u 

dorn und Peregrine Pickle einesteils, Huniphrey Clinker 
anderesteils. 

Sterne freilich dürfen wir nicht anführen, Sterne 
schreibt aber auch nicht Romane sondern Selbstgespräche 
über Romanstoffe, er ist nicht englisch sondern französisch 
gebildet. — Nur nebenbei will ich die bekannte Tatsache 
erwähnen, dass für Hogarths Zeichnungen eine Entste- 
hungsweise angenommen werden muss, welche der hier 
besprochenen in ihrer Art vollkommen analog ist. — Es 
scheint unnötig, darauf hinzuweisen, wie diese Technik 
des humoristischen Romans in Zusammenhang steht mit 
einer bezeichnenden Eigenschaft der englischen Dichtung 
überhaupt, mit der Neigung zur Allegorie. Von Chaucer 
an bilden die allegorischen Poesien eine nie unterbrochene 
Reihe in der englischen Literatur. Die Allegorie besitzt 
heute noch eben dieselbe Geltung wie in der Zeit Spen- 
cers, in der Zeit Miltons , in der Zeit Cowleys, Popes, 
Drydens, Swifts. Manche der Schöpfungen, welche die 
beiden ersten Dichter des heutigen England Robert Brow- 
ning und Alfred Tennyson hervorgebracht haben, ist alle- 
gorischen Gehalts und wäre des Stoffes allein wegen in 
Deutschland den feindseligsten Angriffen ausgesetzt. In 
den englischen Schulen wird es gelehrt, dass die Alle- 
gorie die Quintessenz aller poetischen Mittel enthalte und 
die jährlich veröffentlichten prize poems der Universitäten 
zeigen, dass der Glaube an die hohe Stellung der Alle- 
gorie noch für lange Zeit ungefährdet bleiben wird. 

Neben Boz pflegt Thackeray genannt zu werden. 
Er gilt für einen Humoristen nicht bloss in Deutschland, 
wo man gerne geneigt ist humoristisch zu nennen, was 
überhaupt Heiterkeit erregt, sondern auch in England 
selbst. Freilich nicht ganz ohne Bedenken. Mir scheinen 



Digitized by CjOOQIC 



15 

diese Bedenken so schwerwiegend, dass durch sie Tha- 
ckerays Antheil an der humoristischen Litteratur der Ge- 
genwart überhaupt in Frage gestellt wird. 

In den Werken Thackerays nehmen die Snob papers 
ungefähr die Stellung ein, welche den Erzählungen der 
Pickwickier unter den Romanen von Boz Zugewiesen 
werden muss. Durch sie ist Thackeray berühmt geworden. 
Die Heiterkeit ist wohl auch unsterblich, welche die ver- 
schiedenen Aristocratic Diplomatie Military Clerical Snobs 
erregen. Die Missgriffe durch das Streben der Snobs nach 
unwahrem Scheine erzeugt, sind äusserst komisch. Von 
Humor kann ich in diesen Darstellungen nichts finden. 
Im Gegenteil — eine bittere, feindselige Stimmung bricht 
sich überall Bahn und sie darf nicht Wunder nehmen, da 
neben den scherzhaften Sonderbarkeiten (oddities) Züge 
niederträchtigster Gemeinheit erzählt werden müssen. Sehr 
interessant ist die umfangreiche Sammlung vermischter 
Schriften, in welcher die Skizzen und Studien zu Thacke- 
rays grossen Romanen : Vanity Fair, Pendennis, The New- 
comes vereinigt sind. Kleine Blättchen mit einigen leicht 
hingeworfenen Figuren und grosse, reich ausgeführte Zeich- 
nungen, denen nur die letzte Hand fehlt, um als selbst- 
ständige Bilder gelten zu dürfen, liegen hier bunt durch- 
einander. Wir sehen zuerst, dass die Zahl der Motive, 
die Thackeray verwerthet, merkwürdig klein ist. Das 
wichtigste darunter ist dieses: ein junges, unerfahrenes, 
auch unüberlegtes Mädchen, etwas coquett sonst aber gut- 
mütig, fällt einem Manne anheim, der eigentlich ein 
Schurke ist, oder wenigstens ein ganz elender Schwäch- 
ling, dem aber von seiner Knabenzeit her einige dürftige 
Reste von nobler Gesinnung verblieben sind, jämmerliche 
Flicken. Tadellos ist dieser Gentlemann in Kleidung und 



Digitized by CjOOQIC 



16 

Benehmen. Das Letztere freilich nur in Geseilschaft, denn 
zu Hause prügelt er seine Frau. Die ganze Stufenfolge 
von Charakteren, den Gutmütigen, nur in kindlicher 
Eitelkeit befangenen, den plumpen, lächerlichen Egoisten, 
den halbbewusstcn und den wohlbewussten Schwindler 
mit und ohne gelegentliche Anfälle von Grossmut, end- 
lich den abgefeimten Betrüger und Spieler, der sich aus 
den Verpuppungen herausschält, alle diese hat Thackeray 
geradezu meisterhaft geschildert. Er besitzt eine Beo- 
bachtungsgabe, der nichts gleich kommt. In einer Menge 
Details macht sich der ScharfbHck und die geübte Hand 
des Zeichners wahrnehmbar. — Aber Thackeray ist kein 
Humorist. Er hasst die Welt voll Schein und Trug, voll 
sieghafter Niedertracht und unterliegender Schwäche. Sein 
Wahrheitssinn erspart dem Leser nicht die geringste mise* 
rable Gemütsbewegung, die in dem Helden vorgeht und 
deren sich dieser im nächsten Augenblick schon schämt. 
Unter dem erbarmungslosen Mikroskope des Satirikers 
werden alle Schäden sichtbar. Andererseits ist Thackeray 
nicht im Stande eine gutmütige Person als achtungs- 
wert zu schildern. Sein Major in Vanity Fair ist ein 
mattherziger, überaus langweiliger Patron, an dem uns 
gar nichts liegt und dessen leere Unbedeutendheit uns 
Alles Interesse daran genommen hat, ob er Amelia Scdley 
endlich heiratet oder nicht. 

Grau in grau zeichnet Thackeray seine Menschen, 
mit feinster Detailarbeit, doch verachtungsvoll, nachsichts- 
los. Da wärmt kein behaglicher Sonnenblick und uns 
fröstelt." ' 

Das Pseudonym George Eliot bezeFchnet die Gattin 
des berühmten Goethe-Biographen Lewes, die, eines „cler- 
gyman" Tochter, schon früh zur Feder gegriffen hat. 



Digitized by CjOOQIC 



17 

später sogar in öffentlicher Stellung als Mitredactrice 
der ^Westminster Review" tätig gewesen ist. Ihre Ro- 
mane, in der Reihenfolge der Tauchnitz- Ausgabe ange- 
führt, sind: „Scenes of Clerical Life", „Adam. Bede", 
^The Mill on the Floss", „Silas Marner", „Romola", 
„Felix Holt", endlich in „Asher's collection" „Middle- 
march" in 8 Bänden. Der Fortschritt, welchen jedes ein- 
zelne Werk seinen Vorgängern gegenüber aufweist, ist 
so evident, dass, wie ich glaube, eine spätere Kritik leicht 
bloss auf diesen Gesichtspunkt hin eine chronologische An- 
ordnung der Schriften würde treffen können. 

Die Stoffe, welche Eliot ihren Dichtungen zu Grunde 
gelegt hat, sind engbegrenzten Lebenskreisen entnommen. 
Die eingeschränkte Tätigkeit des Landpfarrers bildete 
in den ersten Schriften das Hauptthema, und bis zu den 
letzten Bänden hin hat sie dem Leben dieser isolierten 
Apostel des Wortes ihre angestammten Sympathien be- 
wahrt. Vor Allem aber kennt und schildert sie mit* Vor- 
liebe das Treiben der kleinen Landstadt oder des alteng- 
lischen Pächterdorfes. Sie hat die Typen dieser Gesell- 
schaft genau studiert und bringt sie in den mannigfachsten, 
meisterhaft entwickelten Variationen zur Darstellung. So 
kehrt die herrliche Mrs. Poyser bruchstückweise fast . in 
allen Erzählungen wieder , uns zu erfreuen mit dem 
raschen Fluss ihrer Rede, mit ihrer Fülle von Spruch- 
weisheit und ihrer mierschöpfhchen Herzensgüte. Einmal 
hat Eliot sich an einem Stoffe aus weit entlegener Zeit 
versucht in „Romola", und erst unlängst habe ich die 
Behauptung eines Kritikers gelesen, dass „Middlemarch" 
eben „Romola", dem besten der Eliot'schen Romane, an 
Wcrth gleichkomme. Ich halte dies für einen Irrtum. 
Zwar beweist dieser Roman, dass die Dichterin Florenz 



Schönbach. Über die hnmor. Prosa des XIX. Jahrh. 



Digitized by CjOOQIC 



18 

genau kennt, dass sie Manches aus alter Litteratur über 
die Stadt gelesen, dass sie über die Medici und das Huma- 
nistentreiben vielerlei Details vernommen hat, allein sie 
konnte uns kein volles historisches Bild geben. Das Co- 
stume ist von ihr an vielen Stellen recht sauber und nett 
gewoben, aber die Charaktere tragen den Stempel des 
neunzehnten Jahrhunderts. Tito Melema ist der leibhaf- 
tige Arthur Donnithorne aus „Adam Bede", Romola ist 
die alte Dinah Morris aus „Adam Bede", und so bis aui 
Tessa-Hetty Sorel. Nur Savonarola hat, wenn er auch 
später im Felix Holt modernisiert werden konnte, doch 
genug von übrigens schon vorgezeichneten, historischen 
Zügen behalten, um mit Sinn und Rede ins fünfzehnte 
Jahrhundert zu passen. 

George Eliot's Erzählungen sind — „Romola" 
nicht ausgenommen — Früchte des sorgfältigen Studiums 
bedeutender Personen und der liebevollen Beobachtung der 
Durchschnittsmenschen ; daher auch ihre zwei Arten, Cha- 
raktere zu schildern. Mit wenigen prägnanten Worten 
(oft mit einem einzigen) wird die Geistesrichtung einer Epi- 
sodenfigur scharf bezeichnet, äusserliche Eigentümlich- 
keiten, meist aufs glücklichste gewählt, rufen rasch ein 
eindrucksvolles Bild hervor. Von den Helden des Romans 
gibt sie uns nicht auf vielen Seiten nacheinander einen 
quasi - Steckbrief durch genaue schematische Aufzählung 
sämmtlicher Eigenschaften — solches Verfahren ist ja sehr 
üblich — sondern wie ein echter Dichter muss, lauscht sie 
den leisesten Regungen des Geisteslebens ihrer Lieblinge, 
und nur in Handlungen, wenn auch in die kleinsten, über- 
setzt , werden uns die Gemütsstimmungen klar. Das 
Charakteristische von Eliot's psychologischer Schilderungs- 
kunst ist also, dass nicht ein einzelner Moment dazu benützt 



Digitized by CjOOQIC 



19 

wird, eine breite Beschreibung des gesammten Denkens 
und Fühlens einer Hauptfigur zu geben, sondern dass im 
Fortschritt der erzählten Handlung uns allmälig das ganze 
farbenreiche, wohlbeleuchtete Bild klar wird, wenn wir 
auch die Grundlinien schon anfangs durchschimmern sehen* 
Eliot hat diese Kunst nicht von vornherein verstanden. 
Reverend Arnos .Barton in „Scenes of Clerical Life" ist 
noch in der Art gezeichnet, welche Miss Braddon zur 
Vollkommenheit gebracht hat; nach und nach wird die 
neue Technik sichtbar : Maggie in „The Mill on the Floss" 
ist schon ein im Nacheinander klar gemachter Charakter 
und Dorothea in „Middlemarch" ist in musterhafter Weise 
herangewachsen. 

Dass die Dichterin den wirklichen Beruf und die 
Fähigkeiten gleich am Beginne ihrer Laufbahn besessen 
hat, geht unwidersprechlich hervor aus ihren Schilderun- 
gen von Frauen -Charakteren. . Auch auf diesem Ge- 
biete hat sie Fortschritte gemacht, verfeinert und ver- 
tieft haben sich ihre Darstellungen; die Kunst, in der 
Seele der Frau zu lesen und alle Regungen des freudig 
oder schmerzlich bewegten Herzens mitzuempfinden, alle 
Gedanken mitzudenken, ja sich so vollständig in ein selbst- 
geschaffenes S<:elcnleben hineinzufühlen, dass auch nicht 
der leiseste Widerspruch im ganzen Verlaufe der Erzäh 
lung sichtbar wird, sondern dass Alles so uns erscheint, 
wie es erscheinen muss, diese Kunst besitzt Eliot in voll- 
stem Masse. In geradezu einziger Weise aber versteht 
sie es, äussere Umstände mit den Erregungen des Frauen- 
herzens in Verbindung zu bringen, und die psychologi- 
schen Gesetze, welche solche Verknüpfung äusserer An- 
stösse mit dem fortschreitenden Denk- und Empfindungs- 
processe beherrschen, werden durch Eliot's wunderbare 



2* 



Digitized by CjOOQIC 



20 

Beobachtungen trefflich erklärt und mit reichen Beispielen 
belegt. Hetty vor dem Morde ihres Kindes, Mrs. TuUiver 
bei der Auction ihrer Hauseinrichtung, Silas Marner in 
der Stunde, nachdem ihm sein Vermögen gestohlen wor* 
den, lassen sich für diese charakteristische Schönheit der 
Eliot'sehen Poesie anführen. 

Andererseits aber unterliegt auch unsere Schriftstelle- 
rin dem Fluche ihres Geschlechtes. Den frischen, kräf- 
tigen Zug des Manneslebens, die feurige Energie und die 
stetige Pflichterfüllung des tüchtigen Mannes vermag sie 
nicht künstlerisch massvoll darzustellen. Es ist eine be- 
kannte Beobachtung, dass alle Dichterinnen, wenn sie 
Männer zu Hauptfiguren ihrer Arbeiten machen, entweder 
einseitig outrieren oder das weibHche Modell durchscheinen 
lassen. Eliot ergeht es nicht besser. Tresham, Felix Holt 
und Will Ladislaw sind überspannte Narren, Arthur Don- 
nithorne, PhiUpp Walker, Tito Melema molluskenhafte 
Schwächlinge, von Anthony Maynard bis Fred Vincy und 
Mr. Casaubon eine ganze Reihe Karrikaturen. Zweimal 
hat sie Anläufe gemacht, die Tüchtigkeit eines arbeit- 
samen Mannes mit grossem Lebensziel und starkem Her- 
zen uns vorzuführen, aber Adam Bede und Caleb Garth 
sind ein paar langweilige Biedermänner geworden, die 
aus Franz Hoffmann's Kindergeschichten herausgeschnitten 
sein könnten. Wie anders malte Boz den David Copper- 
field, Otto Ludwig den ApoUonius! 

In einer Beziehung hat Eliot alle englischen Schrift- 
steller der Neuzeit weitaus übertroffen. Ihre Kinder-Scenen 
sind vollendete Kunstwerke an Klarheit der plastischen 
Gestaltung, an idealer Wahrheit. Keine Freude an den 
Lappalien, dem Lallen und Stottern, an jedem dummen und 
bösen Streich des Kindesalters, sondern feines, warmfüh- 



Digitized by VjOOQIC 



21 

liges Beobachten des unschuldvollen Kinderherzens. Es 
ist herrlich geschildert, wie die glühende Liebe zum Bruder, 
welche den Grundzug in Maggie's schillerndem Wesen 
bildet, schon im Kinde sich äussert und, in der naivsten 
Weise ausgedrückt, für das Leben der Kleinen bereits 
entscheidend wird. Dabei sind diese Schilderungen kind- 
lichen Lebens und Treibens auf so reiche Kenntniss der 
Familie gestützt und mit einer solchen Wärme und innern 
Freude geschrieben, dass sie zu dem Schönsten gehören, 
was alle Litteraturen in diesem Genre geleistet haben. 
Ich nenne nur ausser Maggie und Tom noch die klei- 
nen Poysers aus „Adam Bede", Eppie in „Silas Marner", 
Ben und Letty Garth in „Middlemarch". 

Unsere Dichterin ist die Tochter eines englischen 
Landgeistlichen, und es wäre daraus allein zu schliessen, 
sie besitze starkes religiöses Bewusstsein, vielleicht auch 
tinen festen Glauben. Nun ist es richtig, dass in den 
„Scenes of Clerical Life" auch Dogmen-Glaube und hef- 
tiger Pietismus sich geltend machen, aber auf ihrer wei- 
tern Laufbahn hat Eliot diese Momente immer mehr zu- 
rücktreten lassen, in j,Middlemarch" sind sie ganz geschwun- 
den. Es ist ein weiter Weg fortschreitender Erkenntniss, 
welchen die Dichterin von der allmälig enthusiastisch 
werdenden Schilderung des orthodoxen Predigers Tryan 
in ihrem Erstlingswerke bis zur kühlen Nichtachtung des 
Pietisten Tyke in „Middlemarch" zurückgelegt hat. Durch 
diese Fähigkeit, ihr Urteil von ererbter Voreingenom- 
menheit zu befreien, zeichnet sich Eliot ganz insbesondere 
vor ihrer spanischen Rivalin Fernan Caballero aus, welche 
im ärgsten katholischen Fanatismus befangen ist und von 
ihrer deutschen- Abstammung nicht mehr besitzt als die 
Liebe zur Kleinmalerei. Ebenso sind Eliot's politische 



Digitized by CjOOQIC 



22 

Anschauungen nicht stehen geblieben. Ursprünglich con- 
servativ und die Adelsrechte verteidigend, gelangt sie 
zur Einsicht, dass die Lebenskraft ihrer Nation in dem 
tüchtigen Bürgertum der Städte und in dem wohlhaben- 
den Bauernstande liege, sie lehrt dann die Möglichkeit 
des Radikalismus, bis sie so weit kommt, den conserva- 
tiven Candidaten, Mr. Brooke, liicherlich werden zu lassen. 
In allen ihren Schriften aber hat sie eine warme Anhäng- 
lichkeit an die Gentry bewahrt, an den Landedelmann, den 
Rittergutsbesitzer, dessen Herd noch die Traditionen des 
„Old merry England" beherbergt und der bei mancherlei 
Vorurteilen doch im Ganzen und Grossen die Ansichten 
der modernen Zeit zu würdigen weiss. Ueber alle Arbeiten 
Eliot's ist ein köstlicher Humor ausgegossen, der sie am 
nächsten mit Boz verwandt erscheinen lässt, der hervor- 
geht aus der untilgbaren Ueberzeugung, der Fonds sitt- 
licher Güte im Menschen sei auch unter der rohesten und 
verderbtesten Hülle vorhanden und breche in den wilde- 
sten Charakteren stellenweise durch, während er die Wege 
redlicher, pflichttreuer Menschen mit seinem vollen, war- 
men, sonnigen Lichte erhellt. Und dieser Humor, wel- 
cher bei Boz in urkräftiger, desshalb mitunter in derber 
Weise zu Tage kommt, ist bei Eliot frauenhaft zart und 
liebenswürdig geworden, er hat in dieser Hinsicht von 
Thackeray vorteilhaft angezogen. Eine Eigentümlich- 
keit ihres Humors, welche mit ihrer Technik überhaupt 
im Zusammenhange steht, ist es auch, dass nicht die Schil- 
derung einer Person für sich, sondern deren Verbindung 
mit andern dazu benützt wird, heitere Eindrücke hervor- 
zurufen. 

In. der letzten Zeit ist unter englisc}\en Kritikern viel 
davon die Rede gewesen, wie ausserordentUch fein all- 



Digitized by CjOOQIC 



23 

mäiig George Eiiot*s Stil geworden sei. Und es lässt 
sich nicht leugnen ; während Eiiot's frühere Arbeiten schon 
die sorgfältig bessernde Hand aufwiesen, sind „Romola" 
und „Middlemarch" überaus fein, wohl zu fein geraten. 
Besonders in ihrem letzten Romane wird deutlich, was 
durch eigene Angaben der Dichterin bestätigt wird, dass 
die meisten der grösseren Scenen mehrfach umgeschrieben 
wurden. Ob dies ein Gewinn gewesen? Wir sind nun 
allerdings vor„slipshoed constructions" bewahrt, ein wohl- 
tuender Vocalwechsel ist wahrzunehmen, allein der frische 
erste Wurf, das Packende des ursprünglichen Einfalls ist 
verschwunden. Grosse Perioden mit verschlungenem Baue 
schreibt Eliot nicht gerne, nur selten und in den frühern 
Werken zahlreicher als in den spätem finden sie sich. Da- 
gegen ist Accuratesse und mühevolle Arbeit auf das Studium 
der Dialogführung von ihr gewandt worden, und es muss 
zugegeben werden, dass in Bezug auf Feinheit und Präg- 
nanz des Ausdruckes, verbunden mit massvoller Wärme, 
Eiiot's Dialoge ihresgleichen suchen. Bilder hat ihr Stil 
wenige, und diese wenigen (wie rose petal) werden, oft 
angewendet, monoton; aber eigentlich sind sie immer 
geschmackvoll, und vielleicht ist in dieser Beziehung nur 
unser deutsches Urteil, welches überall erstaunliche Ori- 
ginalität fordert und mit „trivial" schon einen Tropus 
bezeichnet, der dem Franzosen als ganz elegant gilt, 
hier incompetent. 

Aus der unabsehbaren Reihe der englischen Roman- 
schriftsteller seit 1830 sind für uns nur sehr wenige von 
Bedeutung. Zwar entbehrt die Arbeit kaum eines Einzigen 
gänzlich den Anstrich leichten Humors, doch tritt dieser 
nicht so kräftig auf, um den Autor als Humoristen zu be- 
zeichnen. Am meisten hat noch davon der jüngst verstorbene 



Digitized by LjOOQIC 



24 

Charles Lever. Seine Spezialität ist der Irläuder. In einem 
sehr glücklich gewählten, heiteren Tone schildert er das 
Leben des irischen Landedelmannes, des Offiziers daheim 
und in der Fremde. Ein vortreffliches Stück ist Dodd's 
Family abroad. Es werden darin, zum Theil in Briefen, 
die Abenteuer erzühlt, welche eine irische Familie wah- 
rend einer Reise auf dem Continent zu bestehen hat. 
Dodd's Frau bringt durch ihre Eitelkeit, Dodd's Sohn 
durch seine Verschwendung, alle aber durch den gänzli- 
chen Mangel an Menschenkenntniss sich in komische 
Bedrängniss, die am Schlüsse zufriedenstellend gelöst wird. 
Nun muss man freilich zugestehen, dass die vielen baro- 
cken Eigenheiten des irischen Volkscharakters eine humo- 
ristische Darstellung geradezu herausfordern. Lever hat 
aber auch die nötige Beobachtungsgabe mitgebracht. 
Seinen Stil bildete er in den Studien Thackerays, welcher 
mit dem irischen Skizzenbuche ja auch dasselbe Thema 
traf, manche Typen und Charaktere sind von Thackerays 
Schriften in die Levers übergegangen. 

Die englischen Schriftstellerinnen haben iin Allge- 
meinen wenig Humor. Ihre Menschenkenntniss ist nicht 
gross, insbesondere der Qualität nach, da doch in den 
Gesichtskreis einer englischen Lady nur Leute gelangen, 
die eine gewisse Stufe innerer und äusserer Ausbildung 
erreicht haben. Ferner ist Freiheit von gesellschaftlichen 
Vorurtheilen , wenigstens annähernd auch Freiheit von 
gesellschaftlichen Formen, endlich Freiheit von jeder Be- 
schränkung des Stoffes zur Entfaltung des Humors eine 
notwendige Vorbedingung, die aber englischen Frauen zu 
erfüllen sehr schwer fällt. Charlotte Brontc s Jane Eyre — 
durch die Waise von Lowood aller Welt bekannt, — ist 
noch immer für die Masse der Frauenromane in Englatid 



Digitized by CjOOQIC 



25 

massgebend. Dieser Erzählung fehlt es jedoch gänzlich 
ah Humor, sie ist arg einseitig und das Leben wird in 
ihr vom Gouvernantenstandpunkt aus kritisiert. Auch das 
Beste, was Braddon, Gore, Yoitge, Wood, Gäskell und 
Andere Von Cüfrer Bell gelernt haben, die weitläufigen 
und bis ins Kleinste genauen Schilderungeh von FraUen- 
charakteren bilden in ihrer Schwerfälligkeit den direkten 
Gegensatz zur leichten Arbeit des Humoristen. Schliess- 
lich ist auch die Einwirkung, die das englische Normal- 
pensionat mit seinen steifbeinigen Mustern auf deh Stil 
der Schriftstellerinneh übt, ein recht ungünstiger. 

Boz ist der am meisten gelesene Romanschriftsteller, 
er ist auch der einflussfefchste. Die ganze Litteratur der 
Skizzen und Novellen, welche in den zahllosen Magazinen 
zerstreut ist, zeigt sich von Boz abhängig. Die Art, Per- 
sonen dem Leser dadurch einzuprägen, dass rasch einige 
Eigentümlichkeiten der Kleidung, der Gesichtszüge erwähnt 
werden, indess die Ergänzung dieser Punkte der Phan- 
tasie überlassen bleibt — eine Art, gänzlich verschieden 
von der plastischen Breite in Walter Scotts Schilderungen, 
ist nun die allgemein giltige. Das phantastische Belebt- 
werden von Möbeln, von Türklopfern und Strassen- 
laternen, findet sich in den meisten bescheidenen Barzah- 
lungen wieder, die aus den Dilettantenkreisen englischer 
und schottischer Provinzstädte hervorgehen. Dass die 
Eigentümlichkeiten von Dickens' Stil massgebend gewor- 
den sind , die kurzen Sätze und Wiederholungen , mit 
denselben Worten eindrucksvoll beginnend, die Häu- 
fung von Adjektiven in Gruppen nach den Beziehungen 
zum Gegenstand geordnet, erscheint selbstverständlich. 
Es ist interessant, wahrzunehmen, wie zuerst d i e Schrift- 
steller, mit denen Boz seine bekannten Sammlungen kleiner 



Digitized by CjOOQIC 



26 

Novellen ausarbeitete, seiner Eigenart sich fügten und 
anbequemten, wie dann in den Household Words in aller 
Form Boz^sche Gedanken und Boz'sche Schreibweise vor- 
gebracht werden, als Roman, Novelle, Skizze, Gedicht, 
Anekdote und wie sie endlich den grossen Strom bilden, 
von dem kleine Rinnsale in Tageszeitungen und belletri- 
stische Wochenschriften sich abzweigen. 

Sicher ist, dass das Beispiel von Bozens Stil und 
Charakter durch die englische Presse geltend gemacht, 
bessere Folgen hervorgebracht hat, als der Einfluss Börnes, 
dessen geistreiche Lüderlichkeit noch heute das deutsche 
und österreichische Feuilleton dominiert. 

Schneller als zu alter Zeit wirkt in der Gegenwart 
der Eindruck einer grossen Persönlichkeit. Das Wort, 
die Schrift steigt mit geheimnissvoller Schnelligkeit hinab 
in alle Schichten des Volkes und breitet sich aus bis in 
dessen äusserste Kreise. Das geistige Kapital, welches die 
Gedanken eines bedeutenden Menschen enthalten, kann 
nicht mehr an wenige Auserwählte als lebenslängliche 
Rente vertheilt werden, es rollt als Haufe kleiner Münze 
geschäftig umher auf dem Markt des Lebens. Möchte es 
doch nie gehaltloses Metall sein mit trügerischem Glänze 
sondern immer nur echtes lauteres Gold. 



Digitized by CjOOQIC 



n. 



JN ichts ist bezeichnender für das deutsche Stiiiieben 
in den fünfziger Jahren als der Leipziger Dorfbarbier. 
In den kleinbürgerlichen Kreisen von ganz Mittel- und 
Süddeutschland waren die Unterhaltungen des biederen 
General von Pulverrauch mit seinem getreuen Bartscherer 
ein politisches Evangelium. Da hörte man die Nachrichten 
aus aller Herren Länder vernünftig diskutiert werden, da 
war geziemende Devotion gegen Fürst und Regierung, 
da wurde auch recht bescheiden aus dem Winkel räson- 
niert, die Sehnsucht nach deutscher Einheit und Freiheit 
machte in leisen Seufzern sich Luft, auch eine zarte Oppo- 
sition ward nicht immer ganz vermieden. Aber schon im 
Jahre 1859 erwies sich die politische Weisheit des ehr- 
lichen Barbiers als trüglich, es fuhr ihm in die Knochen 
er wurde recht kränklich, schwach und missvergnügt und 
noch bevor das Jahr 1866 mit eisernem Kehrbesen über das 
sächsische Land fahren soüte, sah er ein, dass seine Frist 
um war und segnete die Zeitlichkeit. Der Redakteur dieses 
Blattes, ein bescheidener liebenswürdiger Mann von treff- 



Digitized by CjOOQIC 



28 

lichem Charakter, war Ferdinand Stolle. Ausser seiner 
Zeitung schrieb er noch manche Bücher. Seine Erbauungs- 
schrift, „Palmen des Friedens'', wird in einzelnen Gegen- 
den noch immer gern gelesen, auch seine Erzählungen 
findet man hier und dort. Darunter sind ein paar humo- 
ristische, z. B. die Erbschaft aus Kabul, vor allem aber 
die deutschen Pickwickier, welche l8ö6 ihre zweite Auf- 
lage erlebten und in einigen Dorfbarbierkalendern heitere 
Nachträge fanden. Das Talent ist klein, welches darin 
sich zeigt, doch fesselt die Behandlung des Stoffes unser 
Interesse. Stolle hatte sich offenbar vorgesetzt, die eng- 
lischen Pickwickier in Deutschland aufzusuchen und in 
der Erzählung von ihnen zu leisten, was dort Boz ge- 
leistet hatte. In Neukirchen an der Werra (Werla), einem 
kleinen sächsischen Städtchen, spielt die Geschichte. Die 
vier deutschen Pickwickier sind der Hofkommissär Ecca- 
rius , der Brückenzollgelder - Einnehmer Langschädel, 
Sonnenschmidt, der Gutspächter im Ruhestande und end- 
lich die Hauptperson Kappler, der Sportelschreiber am 
Stadtgericht. Der erste Band des Romanes beschäftigt 
sich ausschliesslich mit diesen vier Leuten, er enthält 
manche gute Züge. Der Spieltisch im Ratskeller mit den 
weisen Gesprächen dabei und vor allem Kappler. Lang, 
mager, kurzsichtig ist der Sportelschreiber mit seinen 
achtzig Thalern jährlichen Gehalts der glücklichste Mensch 
auf Erden. Die Selbstvergnügsamkeit dieses Männleins 
bei CichorienkafTee des Morgens und einem Glas Erlanger 
des Abends, die Furchtsamkeit mit der er vor jedem seine 
Existenz eiTtschuldigt, die ausserordentliche Gutmütigkeit 
dieses alten Hagestolzen, der seine unglücklichsten Stun^ 
den hat, wenn die Stärke seiner Lungen in Zweifel ge- 
zogen wird und seine glücklichsten, wenn man ihn im 



Digitized by CjOOQIC 



29 

Keller Registratur tituliert, das alles ist sehr nett gezeichnet. 
Im zweiten Bande setzt sich die Geschichte ganz alltäg- 
lich fort und endet im dritten trivial. Uns ist wichtig, 
wie der deutsche Schriftsteller, der nicht zu den schlech- 
testen gehört, die Szenen sich dachte, die nach dem 
Muster des Engländers humoristisch zu schildern wären. 

Neukirchen und London ! Das atemlose Treiben der 
Riesenstadt und die friedliche Schlaftrunkenheit der Klein- 
städter. Die ungeheuere Bewegung des Handels, die uni- 
verselle Tätigkeit des grossen Kapitals — und das albern- 
klägliche sich anpfnausen von Bürgerlichen und Adeligen 
in den sächsischen Talkesselchen. Es gieng doch wahr- 
haftig während der Geburtszeif von Stolles Pickwickiern 
ruhig genug in Deutschland zu, so dass wohl eine Stadt 
— etwa Leipzig — sich hätte finden lassen, in der klein- 
bürgerliches Leben mit dem mächtigen Zu^e der neuen 
Zeit hätte in Verbindung gebracht werden können. Aber 
in dem StoUe'schen Roman gibt es keine Arbeit, als 
Akten mit Zwirn in den Landesfarben zu heften und es 
ist das Ideal nach dem Abendbrod ohne Störung die 
Schlafmütze über die Ohren ziehen zu dürfen. 

Klar ist, der Deutsche suchte und fand ein Objekt 
für humoristische Darstellung nicht in einem kleinen Ab- 
schnitt des grossen Lebens wie Boz, sondern in dem 
Abliegen und Fernsein von allen Aufregungen des mo- 
dernen Verkehrs, in der Stille, die durch die Sorgfalt 
des Landesvaters gehütet wird, in dem Genüsse friedlicher 
Beschränktheit. Der erste Band der Erzählung StoUe's 
besitzt alle notwendigen Eigenschaften der Idylle. So die 
Signatur des deutschen Humors. 

Ich halte hier inne und nehme mit einem Rückblick 
auf die ältere Litteratur mein Thema auf. Unter Humor 



Digitized by CjOOQIC 



30 

verstand man im XVIII. Jahrhunderte in Deutschland etwas 
anderes als heute mit diesem Worte bezeichnet wird. 
Manches von den Schriften Rabeners würde man heute 
humoristisch nennen, damals hiess es satirisch. Bürger 
und Boie sind darüber einig, dass des ersteren Historia 
von der Jungfrau Europa voll Humor sei, Schiller gibt 
seine Leipziger Waschfraugeschichte als humoristische 
und der ältere Körner findet Humor in einer Zote Cre- 
billons. Es ist also Spass mit dem Worte gemeint, 
welches wir heute nur in der aus England erhaltenen Be- 
deutung gebrauchen. Unsern ,Humor* finden wir ver- 
sprengt in Vossens Louise, Goethes Hermann und Doro- 
thea, kaum in Engels Lorenz Stark , den man im Jahre 
1798 noch für humoristisch hielt. Es zeigt sich in den 
beiden grossen Idyllen das harmlos heitere Behagen am 
Leben, welches ganz gut mit ernstem Pflichtgefühl Hand 
in Hand geht, ein sicheres helles Bewusstsein von dem 
Werte der eigenen Tätigkeit, warmes, handelndes Mit- 
gefühl und der leichte Spott, dem die Schwächen sich 
nicht entziehen können, die mit der Gebundenheit enger 
Verhältnisse verknüpft sind. Mithin wichtige Bestandteile 
des Humors. Goethe hat auch in anderen Schriften bei 
Gelegenheit seiner Neigung zum Humor Kaum gegeben, 
so in Wahrheit und Dichtung bei der Schilderung der 
Gebrüder Ochsenstein — in den Theatererzählungen des 
Wilhelm Meister. In dem engeren Kreise der Weimarer 
Klassikerwelt hat der Humor sonst freilich keine freund- 
Stätte gefunden. Dafür hat Jean Paul Richter Ersatz 
geleistet. 

Jean Paul ist heute — man kann es geradezu sagen 
— vergessen. Die vielbändige Gesammtausgabe seiner 
Werke ist in den Verzeichnissen deutscher Antiquare ein 



Digitized by CjOOQIC 



31 

stehender Artikel geworden, ihr Preis sinkt fortwährend. 
Ein Schriftsteller ist nicht mehr lebendig, wenn ihn aussei 
den verpflichteten Forschern nur vielleicht einige Damen 
lesen und diese im selbstgefälligen Bewusstsein ganz be- 
sonderer Bildung , und wenn ihn hier und da ein an- 
gehender Feuilletonist aufschlägt, um ein kurzes Bild, 
eine absonderliche These, ein verschnörkeltes Motto auf- 
zutreiben. Jean Paul trägt selbst die Schuld an der fro- 
stigen Nichtachtung, die ihm zu Theil geworden ist. Vor- 
erst ist sein Stil unerträglich. Die Sätze nehmen kein 
Ende. Die syntaktische Ordnung wird auf den Kopf ge- 
stellt. Jede grössere Periode gleicht einem alten, hart- 
gewordenen Knoten von Bindfaden und ihn aufzulösen 
würde mehr Geduld fordern , als dem modernen Leser 
zu Gebote steht, der gewohnt ist in glatten Sätzen rasch 
zu denken. Die Unebenheiten des Jean Paul'schen Stils 
beschränken sich nicht auf die Satzbildung. Die einlei- 
tenden Kapitel jeder Erzählung nötigen schon zu einer 
Menge von ganz wunderlichen Sprüngen. Man könnte 
glauben, sie seien in der Weise gearbeitet, wie der alte 
geschmacklose Scherz Gedichte mit gegebenen, möglichst 
sinnlosen Endreimen begehrte. Wir wissen, dass Jean 
Paul in seiner Arbeitsstube eine Reihe von Pappschachteln 
besass, die er mit allen möglichen auf der Strasse ge- 
fundenen Dingen füllte, mit Leinwandflecken, Bindfaden- 
stückchen, verrosteten Nägeln, Haar- und Stecknadeln, 
Glasscherben. Mit demselben hier angewandten Eifer legte 
er auch grosse Sammlungen von Wörtern und Phrasen 
an, vor allem aber aber riesige gelehrte Kollektaneen, 
in denen aus allen Gebieten des Wissens und der Spe- 
kulation, aus guten und schlechten, neuen und alten, be- 
kannten und unerhörten Büchern Haufen von Notizen 



Digitized by CjOOQIC 



32 

aufgeschichtet wurden. Schon in jeder Einleitung, wie 
erwähnt, stülpt er ein Kästchen um und gibt sich grosse 
Mühe — es gelingt ihm auch vermöge der staunens- 
werthen Elastizität seines Geistes — durch allerart Witz 
die heterogenen Dinge zusammenzuheften, welche meistens 
mit der folgenden Erzählung nichts zu thun haben. Der 
Leser schnappt nach Atem, er ist getröstet, denn jetzt 
beginnt die Geschichte selbst. Seine Freude dauert nicht 
lange. Erst einige kleine Seitensprünge, dann eine Ex- 
kursion in eine ganz ferne Gegend, dann wieder ein 
Stückchen Handlung und so ins Unabsehbare. Es ist eine 
schwere Arbeit, Jean Paul zu studieren. Denn andererseits 
kein Blatt seiner Bücher ist ohne ein gutes Wort, einen 
orginellen Einfall, eine feine Bemerkung. Aber sie werden 
uns von dem Autor nicht vorgelegt sondern an den Kopf 
geworfen. UnübertreiTlich" bleibt daher das von Schiller 
stammende Epigramm auf Jean Paul in den Xenien : 

Hieltest du deinen Reichtum nur halb so zu Rate, wie Jener 
Seine Armut, du wärst unsrer Bewunderung wert. 

Das Missfallen an der Darstellung des Bayreuther 
Humoristen lässt auch dessen beste und schönste Eigen- 
schaften übersehen. Alle Stücke seiner älteren Romane, 
in denen wirklich erzählt wird, gehören zu den vorzüg- 
lichsten Leistungen deutscher heiterer Prosa. Siebenkäs, 
Leibgeber, der Armenadvokat und das Kirmesfest mit 
dem Vogelschiessen^ bei dem der Advokat den Preis ge- 
winnt, der sein Hauswesen wieder herstellen soll. Wuz, 
Fibel, Katzenberger sind ganz orginelle Gestalten von 
urwüchsiger Komik. 

Jean Pauls Dichtungen sind aus zwei ziemlich ver- 
schiedenen Elementen zusammengesetzt. Aus den weit- 



Digitized by CjOOQIC 



33 

läufigen Reflexionen und Deklamationen,- Reden des 
Autors, polemischen und satirischen Gehaltes; sie alle, 
mit sentimentaler Phantastik verknüpft, sind das Erbe 
Sternes, welches Jean Paul angetreten hat: Den Dichter 
des Tristram Shandy und der Sentimental Journey 
finden wir ganz wieder in dem Legationsrat von 
Bayreuth ; schwerfiUliger ist der Deutsche , beladen mit 
barockem Gelehrtenkram, aber auch tiefsinniger, warm- 
fühlender und frei von herzloser Spottsucht. Die zweite 
Gruppe innerhalb seiner Arbeiten , die humoristische 
Gruppe, von der man hoffen muss, dass sie wieder Leser 
finden, immer finden werde, ist aus Idyllen gebildet. 
Schullehrer, Armenadvokat, Feldprediger sind die Helden 
dieser Erzählungen. Die ärmlichen Stuben dieser Menschen, 
kaum möbliert, hat Jean Paul zu trauten Räumen um- 
geschaffen, ^ in denen die leicht entsagende Fröhlichkeit, 
die wärmste lauterste Empfindung und der klare Geist 
der Humanität walten. Man könnte diese beiden Gruppen 
vollständig von einander ablösen, jeder zur Sonderexistenz 
verhelfend , wie man es bei Immermanns Münchhausen 
versucht hat, verböte sich diess nicht durch die einfachste 
Pietät vor dem Werke des Dichters. 

Also — die humoristische Gestaltungskraft Jean 
Pauls — im engeren Sinne — ist auf den Stoff von 
Idyllen angewandt. 

Die Romantik und das junge Deutschland unter- 
brechen die Weiterentwicklung der humoristischen Dich- 
tung. Die deutsche romantische Schule ist ihrem innersten 
Wesen nach dem Humor gerade entgegengesetzt. Sie hat 
sich eine Welt der Phantasie geschaffen. Zuerst sind ihre 
Puppen noch lebenden Menschen ähnlich, die Herzlosigkeit 
kennzeichnet sie und die Unsicherheit der Umrisse. Diese 



Schönbacli. über die liumor. Prosa des XIX. Jalirli. 



Digitized by CjOOQIC 



34 

wird immer stärker und in schwankenden Nebein verliert 
sich der bunte Haufe. Alles Irdische wandelt sich in dieser 
Poesie. Die Erde trägt nur exotische Blumen mit gespenstig 
grossen Kelchen, in der Luft schwirren körperlose Stimmen, 
Waldhörner überall, Mondschein glitzert in den Gewäs- 
sern. Die ganze Natur ist von Rührung durchzittert. Wenn 
aber das bengalische Feuer ausgebrannt ist — und es 
hält nicht lange vor — welches der Dichter angezündet 
hat, dann erweist sich diese Natur als eine jämmerliche 
Zusammenstellung schlecht bemalter Coulissen aus Pappen- 
deckel, die ätherischen Bewohner dieser Natur schrumpfen 
zu Marionetten mit ledernen Gesichtern , steifen Armen 
und Beinen zusammen, der Dichter sitzt daneben und 
rührt gewaltig in seinem Topfe, um demnächst einen 
neuen Spuck aufzuführen. 

Die romantische Schule in Deutschland hat einen 
vortrefflichen Erzähler hervorgebracht, Ludwig Tieck. 
Seine Sprache ist von tadelloser Glätte, die Stoffe sind 
mitunter äusserst glücklich gewählt oder erfunden, es 
fehlt nur, dass wir uns von der Existenz der geschilderten 
Menschen überzeugen könnten. Aber das ist nicht mög- 
lich. Denn der Dichter wünscht bei Gelegenheit seiner 
Erzählung, die Ansichten über ein bestimmtes Thema 
durch eine Diskussion sich klären zu lassen. Das Thema 
muss von allen Seiten beleuchtet werden; zu diesem 
Zwecke werden die Standpunkte verteilt und ihnen 
schnell noch ein Kostüm übergeworfen, damit sie doch 
vor dem Publikum erscheinen können. Da die meisten 
der gewählten Gesprächsaufgaben uns heute nicht mehr 
interessiren , so erstirbt die Teilnahme an Tiecks No- 
vellen allmälig. 

Man hat in den Erzählungen von Clemens Brentano 



Digitized by CjOOQIC 



35 

und Joseph von Eichendorff Humor finden wollen. Was 
dafür ausgegeben wurde, ist nichts als die tolle Lustig- 
keit des Trunkenen, der einige drollige Purzelbäume 
schlägt und nach kurzem unruhigen Schlaf plötzlich mit 
dem herzbrechenden Jammer romantischer Sentimentalität 
erwacht. Man stelle einmal den Vaganten Eichendorffs 
neben Scheffels Trompeter von Säckingen? 

In T. A. Hoffmanns Erzählungen hat die Phantastik 
die höchste mögliche Stufe erklommen. Fast geht ihr der 
Athem aus. Noch ein Schritt weiter und aus dem Graus 
der Gespenster grinst der Wahnsinn. Hoffmann besass 
jedoch nicht nur sehr viel Geist sondern auch wirklichen 
Humor. Dieses oder jenes Kapitel einer Geschichte, welches 
gerade frei ist von Spuckgestalten, entfaltet grosse rea- 
listische Kraft. Tritt eine fröhliche Stimmung hinzu dann 
kommt es zu prächtigen kleinen Genrebildern. So der 
Vetter, von dessen Eckfenster in der Markgrafenstrasse 
aus das Gewirre von Käufern und Verkäufern am Gen- 
darmenmarkt studiert wird. 

T. A. Hoffmann hat ausserhalb Deutschlands am , 
meisten Eindruck gemacht. Von seinen Schriften werden 
viele noch in Frankreich eifrig gelesen, auch entwickelte 
aus ihnen sich eine ganze Gattung der amerikanischen 
Poesie. Er hat bei seinem Bestreben die alltägliche 
Nüchternheit mit grässlichen Gespenstern anzufüllen, zu- 
erst das dann vielbeliebte Mittel angewandt. Unbelebtes 
an der Stimmung des Lebenden teilnehmen zu lassen. 

Noch muss ich mir eine kleine Abschweifung er- 
lauben. Es ist das Verdienst von Georg Brandes darauf 
hingewiesen zu haben, dass die ganze moderne Dichtung 
Dänemarks aus der deutschen Romantik als Seitenschöss- 
ling herausgewachsen ist. Sie bietet keine Fortbildung, 



3* 



Digitized by CjOOQIC 



36 

denn in Deutschland schon sind die Extreme erreicht 
worden, aber die eigentümlichen Talente bringen allerlei 
merkwürdige Abzweigungen hervor. So Ingemann, Pa- 
ludan Müller, Ibsen. 

Für uns kommt nur Andersen in Betracht. Freilich 
gering. Denn in allen seinen reizend geschriebenen 
Arbeiten ist die stoffliche Grundlage das Leiden. Die 
ganze Welt leidet, Mensch, Tier, Baum, Nähnadel, Zinn- 
soldat und Porzellanpuppe. Das Bilderbuch ohne Bilder 
ist nur e i n freilich ergreifend klingender Klagelaut. Fast 
grotesk scheinen desshalb einzelne Ausbrüche der Heiter- 
keit. Auch der echte und wahre Humorist kann tief er- 
griffen werden, sein Auge kann sich mit Tränen füllen 
und sein Lachein kann wehmütig werden. Aber es sind 
die Tränen des Mitgefühls, des hülfebereiten, tätigen, 
nie verzweifelnden Mitgefühls, nicht die Tränen stummer 
Resignation. 

Solch weichliches Wesen hat sonst bei den Skan- 
dinaviern nicht viel Raum gefunden. Ich will nicht spre- 
chen von den tüchtigen freilich etwas langatmigen Ro- 
manen der Frederike Bremer, Flygare-Carlen , Sophie 
Schwartz, die alle im Gefolge des englischen Frauen- 
romans einherziehen. In Deutschland ist heben ihnen, 
wie ich glaube, auch Onkel Adam bekannt geworden. 
Leider hat dieser treffliche Schriftsteller (Wetterbergh) 
nur wenig geliefert. Das wenige ist freilich gut. Und das 
beste sind die Skizzen aus der kleinen Stadt. Die Ent» 
stehung des Aufruhrs gegen die Obrigkeit ist vorzüglich 
erzählt. Manchmal wird Wetterbergh scharf und es schlägt 
sein Humor in Satire um, ohne jedoch der Darstellung 
zu schaden. — Björnstjerna Björnson hat mit seinen No- 
vellen aus dem norwegischen Baüernleben ein ganz neues 



Digitized by VjOOQIC 



37 

Gebiet erschlossen. Seine Landschaften sind wahr und 
doch poetisch. Ein frischer erquickender Hauch scharfer 
aber reiner Luft durchweht das Ganze. Die Menschen 
sind bei aller Einfachheit und trotzdem dass die Sorge 
um das Leben sie zu harter, kaum unterbrochener Arbeit 
nötigt, feinfühlig und rücksichtsvoll. Grosse Aufregungen, 
gewaltige Leidenschaften stören diese kühlen Nordländer 
nicht und Eyvind's des fröhlichen Burschen Ringen nach 
der Hand des geliebten Mädchens bringt ihn ohne sonder- 
liche Hindernisse ans Ziel. Ein Bischen Schwerfälligkeit 
findet sich mitunter und besonders in Synnöve Solbakken 
geht der Realismus, der auch nicht die unbedeutendste 
Phase der ganzen langstieligen Werbung dem Leser ent- 
zieht, sicher zu weit. Björnsons Erzählungen erhalten 
noch einen besondern Schmuck durch die hinreissend 
schönen Lieder, die im Tone der in Norwegen üblichen 
Improvisationen gehalten, doch den vollsten lyrischen 
Schwung haben. 

War schon die deutsche Romantik unfruchtbar an 
Humor, so ist die darauf folgende Bewegung, welche mit 
Angriffen auf die litterarischen Schwächen begann und 
bald in allen Gebieten des geistigen Lebens sich geltend 
machte, daran noch ärmer. Zuerst nur polemisch, trat 
das junge Deutschland mit eigenen Schöpfungen spät her- 
vor. Sie waren von Tendenz bestimmt, sollten die bei- 
stehenden Ansichten in Litteratur und Politik als nichtig 
erweisen, aufheben, zerstören. Zu einem ruhigen Aus- 
gestalten kam es in dieser Zeit der Gährung gar nicht, 
solches fordert aber der Humor, der noch dazu immer 
einen bescheidenen, konservativen Tik hat. Börne ver^ 
stand es nur zu zersetzen' und aufzulösen und die Ge- 
schichte seiner Schriften liefert den Beweis dafür, dass 



Digitized by CjOOQIC 



38 

auch eine gaiiJs impotente, negative Natur in einer Zeit 
der Stagnation weitreichenden Einfluss gewinnen kann. 

Nicht minder war Heines Poesie des Egoismus ein 
mächtiges Mittel zur Aufrüttelung aus der litterarischen 
Träumerei und Lethargie, aus dem schläfrigen Genüsse 
eleganter Unbedeutendheit, die das Stuttgarter Morgen- 
blatt und die Dresdner Abendzeitung versinnlichten. 

Die Armut und Ode jener Zeit, welche nur das 
Gebiet der Wissenschaften freiliess, wird dann am deut- 
lichsten,' wenn man erwägt, welcher Schriftsteller 1830 
bis 1850 in Deutschland regierte. Regieren ist hier der 
richtige Ausdruck, denn Zschokke war das Ideal für den 
deutschen Bürger, (in Österreich geniesst er heute noch 
Ansehen.) Seine Stunden der Andacht sind das Produkt 
des allerseichtesten Rationalismus, der sich nur so weit 
wagt als das hohe Konsistorium es zulässt und nur bis 
dorthin, wo das notwendig werdende Nachdenken Mühe 
machen könnte. Ich will seine früheren ganz trivialen 
Schauer-, Räuber- und Ritterdichtungen, seine spätere affek- 
tierte Selbstschau nur erwähnen. Am meisten verbreitet 
und beliebt waren die Novellen, welche noch immer 
fleissig aufgelegt werden. Auch sie tragen den Stempel 
der Stunden der Andacht. Einige wie ,Alamontade*, ,Jo- 
nathan Frock* verherrlichen dieselbe kahle Vernünftigkeit. 
In anderen wie in ,Loch im Ärmel*, ,Meister Jordan* ,das 
GoldmacherdorP wird das Evangelium der Nützlichkeit 
gepredigt und es macht dort einen höchst widerlichen 
Eindruck, wenn am Schlüsse der Erzählung die dürren 
Helden der Handlung in eine poetisch sein sollende Ver- 
zückung gerathen. 

Zschokke hat Sinn für einen guten Spass, deshalb 
sind seine sogenannten humoristischen Novellen ,Hans 



Digitized by CjOOQIC 



39 

Dampf in allen Gassen', ,Tantchen Rosmarin*, ,das blaue 
Wunder', »Abenteuer der Neujahrsnacht* und andere noch 
am besten gelungen, wenn man den starken Beisatz von 
Frivolität abrechnet, den sie alle haben. Die sanftmütige 
Opposition gegen die Willkürherrschaft kleinstaatlicher 
Despoten, welche im ,Fürstenblick*, ,den beiden Millio- 
naren* sich hervorwagt , hat gleichfalls grosse Anzie- 
hungskraft geübt. In dieser Anziehungskraft liegt die 
Wichtigkeit des Schriftstellers. Es soll nicht geleugnet 
werden, dass alle Arbeiten Zschokkes geringen poetischen 
Wert haben und eigentlich herzlich unbedeutend sind, 
allein dass sie solche Geltung bei einer ganzen Genera- 
tion errangen, war doch ein Fortschritt. Die darin ver- 
tretenen Ansichten wurden ein Besitz des Volkes, sie 
haben festen Fuss gefasst und die Aufnahme der bes- 
seren, klareren erst vermittelt. Der Anteil, den Zschokke 
daran hatte, dass die politische Bewegung um die Mitte 
des XIX. Jahrhunderts auch die kleinsten Kreise ergriff, 
ist gewiss gross gewesen, noch grösser aber sein Anteil 
an den verschiedenen religiösen Neuerungen. 

Männer wie Zchokke werden in der Litterarhistorie 
gerne bei Seite geschoben, wem es aber darum zu tun 
ist, die Entwicklung nicht bloss der an der Spitze des 
geistigen Lebens schreitenden engen Kreise , sondern 
der ganzen Nation zu begreifen, der darf einer Betrach- 
tung der Lektüre des grossen Publikums nicht ausweichen. 
Oder gibt es nicht ganz neues Licht zur Erklärung einer 
Menge auffallender Umstände, wenn wir erfahren, dass 
von 1790 — 1810 nicht Schiller und Göthe, sondern La- 
fontaine, Julius von Voss und Gramer in allen auch ge* 
bildeten Kreisen am stärksten gelesen wurden? 

Die Zeit der Ruhe, der Sammlung, des Philisteriums 



Digitized by CjOOQIC 



40 

gieiig vorüber. Sie war dem Humor nicht günstig, denn 
dieser weilt am liebsten dort , wo fruchtbares Schaffen 
und zielbewusste Tätigkeit walten. Somit war nach der 
grossen Sturmflut eine Ernte humoristischer Litteratur 
zu erwarten. Sie kam, die Zeit Gustav Freytags- und 
Fritz Reuters. 

Gustav Freytags ,Soll und Haben* im Jahre 1852 
erschienen, hat I874 die 29. Stereotyp-Auflage in deut- 
scher Sprache erlebt. Diese Tatsache spricht aus, das 
,leichte Werk*, wie der Verfasser sein Buch nannte, sei 
dem deutschen Volke aus der Seele geschrieben. Soll 
und Haben ist ein humoristischer Roman. Ein gründlidhes 
Studium von Boz ist ohne Zweifel vorangegangen, das 
zeigt der Stil und manches Detail, so die Gipskatze auf 
Antons Schreibtisch. Doch drängt sich die Nachahmung 
keineswegs in so plumper Weise auf wie in Hackländers 
, namenlosen Geschichten.* Frey tag hat nach dem Vor- 
bilde des Engländers in deutschem Geiste und in deut- 
scher Art seine Erzählung selbständig geschaffen. Sie 
besteht — man darf diese Meinung freilich nicht pressen 
— aus zwei Teilen , einem humoristischen und einem 
ernsthaften. Den Mittelpunkt des ersten bildet T. A. 
Schrötters Komptoir. Hier wandeln die lustigsten episo- 
dischen Figuren. Der gewalttätige Pix, der phantastische 
Specht, Purzel mit der Kreide, Liebold, der Inhaber des 
bescheidenen Basses und Baumann der Missionär. Mitten 
unter sie tritt der halbwüchsige Anton. Um ihn gruppiert 
sich rasch alles und mit Fink wird das farbige Bild be- 
häbiger, bürgerlicher Tüchtigkeit abgeschlossen. M^n ist 
vollauf berechtigt, in dem ersten Teile, die Rothsattels 
und die jüdischen Kaufleute mit eingeschlossen, ein Idyll 
zu sehen, welches freilich mitten im grossen Leben 



Digitized by VjOOQIC 



41 

sich abspielt. So fröhlich viele der erzählten Szenen sind, 
so harmlos die Scherze Finks sich anhören lassen, so 
mahnt doch die Gestalt des Kaufherrn mit dem englischen 
Backenbart und dem Cigarrenmagazin aus Büflfelleder an 
die gewaltige Maschine des Völkerverkehrs, an der Alle 
mit tätig sind. Die Hauptpartie des zweiten Teiles bildet 
die Schilderung des polnischen Aufstandes. Diese Partie 
ist vielfach angegriffen worden. 

Wenn man von den Vorwürfen absieht, die durch 
politische Gegensätze veranlasst sind, so erübrigt der eine, 
welcher durch die breite Darstellung dieser Partie die 
künstlerische Komposition gefährdet glaubt. Dass ein 
grosser Raum ver^yendet werden musste, sollte das Bild 
des Aufruhrs überhaupt klar und eindrucksvoll werden,- 
könnte man kaum zur Entschuldigung anführen. Denn 
wozu überhaupt der ganze Aufruhr? Sollte er bloss Ma- 
schinerie sein, damit die Paare der Hauptgestalten nach 
dem Gesetze der Wahlverwandschaften sich kriegen? 
Kaum. Vielmehr glaube ich, dass mit diesem Teile nur 
einem grossen, dringenden Bedürfniss genügt wurde, dass 
man es hart empfände, wenn er fehlte. Denn im ersten 
Bande sahen wir die Helden nur im Widerscheine 
einer grossen Arbeit. Sollen wir die Achtung fühlen, 
welche der Dichter für sie beansprucht, dann müssen sie 
handeln. Sie handeln nun auch und zwar nicht bloss 
kämpfen sie für die Waaren auf dem Frachtwagen, sie 
kämpfen für den Fortschritt der modernen Kultur den 
Kampf des Tüchtigen gegen den Untüchtigen. Nun aber 
— kann man einwenden — Boz gilt als Muster für 
Freytag, wo liegt bei dem englischen Schriftsteller ähn- 
liches vor ? Dieser hält es nicht für nötig, seinen Arbeiter 
in einen Krieger zu verwandeln, um ihm die Achtung 



Digitized by CjOOQIC 



42 

der Leser zu werben. Darauf ist zu antworten : Der eng- 
lische Autor schrieb unter anderen, günstigeren Bedin- 
gungen, er konnte in seiner Nation ein grosses Selbst- 
gefühl voraussetzen, das sich auf die gewaltigste Tätig- 
keit im privaten und öffentlichen Leben und deren Re- 
sultat, die Machtfülle der Herrschaft im Verkehr aller 
Völker stützte. Hätte Boz nie des Eifers und der Brav- 
heit seiner Helden erwähnt, der englische Leser wüsste 
doch, dass sie an dem Fortschreiten des gesammten In- 
selvolkes Teil hatten und dass sie alle geschützt waren 
durch die Weltstellung des brittischen Reiches. 

Wo waren diese Vorbedingungen für den Deutschen 
von 1852? In kläglicher Zerrissenheit versplitterten sich 
die Kräfte der einzelnen Stämme und wenn der Würtem- 
berger, auf Cuba um seinen Besitz betrogen, klagte, dann 
war er ein Objekt fröhlichen Spottes für den Gouverneur^ 
denn der bairische Konsul weigerte sich, das Recht des 
Schwaben zu vertreten. Wollte der Dichter dem deutschen 
Volke den Deutschen dort zeigen, wo er Achtunggebie- 
tendes geschaffen hatte, dann musste er auf den Osten 
weisen. Dort brach das slavische Volkstum langsam zu- 
sammen, nicht weil eine grosse Militärmacht die Ein- 
wanderer geschützt hätte, sondern weil seit Jahrhunderten 
der deutsche Kolonist sich langsam Boden gewann durch 
friedliche Arbeit und Wirtschaft. Denken wir uns den 
Roman Freytags heute geschrieben, wir würden die Er- 
zählung vom Polenaufstande darin nicht finden. 

Anton Wolfahrt ist der Held der Erzählung. Kri- 
tiker haben entdeckt, Anton sei gegen Fink sehr in 
Schatten gestellt, sei langweilig und philiströs. Richtig 
ist wohl, dass, Fink von Freytag mit den glänzenden 
Farben des feinsten Humors ausgeführt ist, den die Brü- 



Digitized by CjOOQIC 



43 

der Finks besitzen: Kunz von Rosen, Saalfeld in der 
Valentine, Graf Waldemar, Konrad Bolz in den Jour- 
nalisten, Prinz Viktor und Herr Hummel gemeinsam 
in der verlorenen Handschrift. Aber Anton ist doch 
der Hauptheld nicht bloss dem Namen nach. Seiner 
Tüchtigkeit beugt sich auch Fink in allen ernsten 
Dingen , er bestimmt die Geschicke der wichtigsten 
Personen und der Dichter hat es an nichts fehlen las- 
sen , damit Anton dieser Stellung würdig erscheine. 
Anton könnte etwas weniger weich und rücksichtsvoll 
sein, aber auch so wie er ist, bleibt er uns lieb und 
wert für immer. 

Ein Gegenstück zu Freytags ,Soll und Haben' ist 
, Handel und Wandel' von Hackländer. Die Differenz zwi- 
schen beiden Büchern ist jedoch sehr gross. Hackländer 
kennt die Details des Handels ebenso gut, vielleicht besser 
als Freytag, er war ja selbst Kaufmann, Hackländern 
fehlt es auch nicht an der Fähigkeit geschmackvoller Dar- 
stellung, — niemand verkennt jedoch, dass die frische 
realistische Kraft, die in jedem Kapitel des Freytagschen 
Werkes lebt, den Komtoirhelden bei Hackländer ganz 
und gar mangelt. 

Der Reissmehlsche Laden ist winzig, der Erzähler 
kann aber auch mit aller Anstrengung keinen Leser über- 
zeugen, das Seidengeschäft von Stieglitz sei bedeutend 
und fordere Interesse für die Bewegung seiner Waaren. 
Über allem hängt der Himmel der (süddeutschen) Klein- 
stadt. Wir winden uns nicht aus dem Gefühle Von der 
Geringfügigkeit der geschilderten Arbeit heraus. Hack- 
länder ist ein lebhafter Anhänger des Systems der deut- 
schen Kleinstaaten, er hatte selbst eine Charge am wür- 
tembergischen Hofe. Er verleugnet seinen Standpunkt 



Digitized by CjOOQIC 



44 

nie, in den meisten Erzählungen, militärischen Berichten 
und kleinen Skizzen tritt er mit seinen Ansichten hervor. 
Auch seine Lustspiele, von denen der ,geheinie Agent* 
und ,Magnetische Kuren* mit feinem Sinn und graziös 
entwickelt sind, zeigen wie hoch er es schätzt, in der 
Hofluft leben zu dürfen. Keine flüchtige Karrikatur aus 
den Kreisen der Hofbeamten, kein Witz eines demokra- 
tischen Raisonneurs in Hackländers Romanen wird eine 
andere Meinung hervorrufen. Ganz unverkennbar ist das 
Behagen an der Schilderung aristokratischer Diners und 
dass dem Dichter das Vegetieren eines wolhabenden Ka- 
valiers an einem kleinen Hofe als höchstes Ideal erscheint, 
leuchtet jedermann ein. Der Humor beschränkt sich hier 
natürlich auf das Lächerlichmachen kleinbürgerlicher Eitel- 
keit und Titelsucht. Nur die , Wachstubenabenteuer' zei- 
gen den Erzähler ganz in seinem Element, die Menge 
drolliger Situationen, die militärischen Originale wie der 
Unteroffizier Feodor Dose und der Bombardier Tipfei 
wirken höchst ergötzlich, noch mehr aber der mit vieler 
Wärme geschilderte Oberst von Tuchsen. 

Hackländer ist mit seinen späteren Schöpfungen 
immer mehr in die Sphäre des Solonromanes hinein- 
geraten, in der er zwar mit gewandter Schilderung von 
Ballfesten und Intriguen glänzt, aber für die Leere des 
Inhalts Niemanden schadlos zu halten vermag. Zu ^dieser 
Gattung hat er in seiner illustrierten Zeitschrift ,über Land 
und Meer* eine Anzahl begabter Schüler sich erzogen. 

Mit einigen Worten muss noch Holtei erwähnt wer- 
den. Sehr rasch hat der auch durch seine Dramen be- 
liebte Schriftsteller eine grosse Menge von Novellen und 
Romanen veröffentlicht, die von origineller Befähigung 
für das Derbkomische und von einem ganz vorzüglichen, 



Digitized by CjOOQIC 



45 

realistischen Darstellungstalent zeugen. Über die beliebten 
Erzählungen »Christian Lammfell', ,die Eselsfresser* — ragt 
weit hinaus der Roman ,die Vagabunden' die lebens- 
warmen Schilderungen der absterbenden Komödianten- 
fahrten. Grenzenlose Flüchtigkeit stört die Erfolge aller 
Holtei*schen Schriften. 

Ab und zu versucht sich Gutzkow in Erzählungen, 
die er humoristische nennt, doch tritt eine rücksichtslose 
Polemik und eine gewisse Rohheit in der Anlage der 
komischen Charaktere — Blasedow und seine Söhne — 
verbunden mit den diesem Autor eigenen stilistischen 
Schwächen der erfreulichen Wirkung dauernd entgegen. 

Fritz Reuter ist gegenwärtig der deutsche Humorist 
xat' kioyriv. Wie er es geworden ist, scheint wunderbar. 
Denn die Ausbreitung seiner Werke hatte mit Schwierig- 
keiten ganz ungewöhnlicher Art zu kämpfen. Erwachsen 
auf dem schmalen Fleck Mecklenburgischer Erde, voll von 
lokalen Beziehungen hatten die Läuschen und Rimels 
sich die Anerkennung der nächsten Nadibarn zu gewinnen. 
Die folgenden grösseren Werke Reuters, ja fast alle sind 
fester an den heimatlichen Boden gebunden, als es sonst 
vorkommt. So sind in ,De Reis nach Belligen* und manche 
andere Erzählungen, Spässe von einer Derbheit gedrungen, 
die anfangs frappiert und die man erst allmälig vergisst 
des drolligen Humors halber mit dem dargestellt wird. 
Und nun auch noch das Plattdeutsche! Nie vorher war 
es einem niederdeutschen Buche gelungen, über die hoch- 
deutsche Sprachgrenze zu dringen. Nicht einmal Laurem- 
berg und Rachel hatten es vermocht. Reuter jedoch ist 
jetzt in Süddeutschland und Österreich mindestens ebenso 
beliebt als im Norden, seine Sprache studiert man und 



Digitized by CjOOQIC 



46 

ich könnte von Familien berichten , in denen Reuters 
Werke so sehr zum Hausbuch geworden sind, dass all- 
abendlich einige Blätter wie zur Erbauung vorgelesen 
werden. 

Wenn auch nicht dieses Extrem, so ist doch die 
wärmste Liebe zu dem Mecklenburger Humoristen wohl 
begründet. Seine Herzensgute ist ein unerschöpflicher 
Born, aus dem für jeden Müden und Wunden Trost und 
Labung sprudelt. ,Ut mine Festungstid* ist das schönste 
Zeugniss dafür. Nicht Misshandlung, nicht Kränkung, nicht 
leibliche und geistige Not haben die Liebe zu den Men- 
schen dem armen Gefangenen entreissen können, nur 
selten entschlüpft in der Schilderung langjähriger Haft 
ihm ein bitteres Wort. Um so ergreifender klingen die 
Sätze, die er Dambach zuruft, als er erzählt dass dieser 
dem Vater Reuters, der seinen Sohn in der Berliner 
Hausvogtei sehen wollte und deshalb von Stavenhagen 
gekommen war, den Zutritt abgeschlagen hatte, — Und 
noch in einer anderen Dichtung verkehrt sich diese Her- 
zensgüte in glühenden Zorn, in der tieferschütternden 
Geschichte: ,Kein Hüsung.* Die Not des kleinen Mannes, 
der arbeitet und ringt und trotz alledem zu Elend und 
Bedrängniss verdammt bleibt, schafft hier in so zu Her- 
zen dringender Klage sich Ausdruck, dass man glauben 
sollte, flammende Schamröte müsste denen ins Antlitz 
steigen, die heute noch so schwere Hand über ein deut- 
sches Land halten. Die fundamentale Gutmütigkeit in 
Reuters Wesen hindert nicht, dass er die strengsten An- 
forderungen an das Leben eines Mannes stellt. Sie machen 
-sich fast in jeder grösseren Arbeit des Dichters geltend. 
Nicht Axel von Rambow allein wird verurteilt, der 
sich in eine Stellung wagt, der er nicht gewachsen ist. 



Digitized by CjOOQIC 



47 

Das bittere Selbstgespräch am Schlüsse von ,Ut mine 
Festungstid* beweist, dass auch von sich selbst Reuter 
nur ganzes heischte. 

Das Leben sparte dem Dichter nicht die grausamsten 
Erfahrungen. Die konnten aber seinem fröhlichen Sinne 
nichts anhaben und das Auge nicht trüben. 

So lange man nur die Werke Reuters kannte, 
welche in der dreizehnbändigen Gesammtausgabe vor- 
liegen, mochte man über die Art des Dichters zu arbeiten, 
im Zweifel sein. Der zur letzten Weihnacht erschienene 
erste Band des Nachlasses hat uns die Unsicherheit ge- 
nommen. Desshalb sind die Stücke dariin, wenn sie auch 
— natürlich die Urgeschichte von Mecklenburg ausge- 
nommen — an und für sich recht schwach sind, für die 
Litterarhistorie von grossem Interesse. Schon in der Reise- 
beschreibung, die der Knabe im Auftrage anfertigte, er- 
kennen wir das Talent, zufälliges Zusammentreffen, mo- 
mentanes sich Kreuzen von Personen und Dingen zu 
einem Bilde zu verwerten. Zeichnen trieb Reuter schon 
frühzeitig mit Eifer, seine Leistungen auf der Festung 
hat er selbst launig geschildert. Noch wichtiger sind aber 
die Briefe des Entspekter Bräsig, die an Reuter als Re- 
dakteur eines kleinen Unterhaltungsblattes gerichtet sind. 
Bräsig ist in ,Ut mine Stromtid* die Hauptfigur. Er in- 
terveniert allenthalben, ist bei jeder wichtigen Wendung 
die handelnde Person. Aus den älteren Briefen wird nun 
ersichtlich, dass schon lange vor dem Erscheinen seines 
Hauptwerkes der Dichter den ,Unkel Bräsig* sich ge- 
schaffen hatte. Wie er leibt und lebt hatte ihn früh 
die Phantasie Reuters gebildet. In der grossen Erzäh- 
lung sind freilich alle Züge, alle Fältchen des brei- 
ten, fröhlichen Gesichtes feiner ausgearbeitet, der alte 



Digitized by VjOOQIC 



48 

Bräsig hat noch etwas vom derben Holzschnitt , aber 
alle wichtigen Charakteristika sind schon in den Briefen 
vorhanden, der Puls schlägt und wer auch von dem Unkel 
Bräsig nur aus den Briefen weiss, wird ihn erkennen, 
sobald er ihn begegnet. So war Bräsig der Stamm, an 
den alle Auszweigungen sich schlössen. Die Schilderung, 
des gräflich Hahnschen Geburtsfestes im Nachlasse ist 
unbedeutend und nur dadurch von Wert, dass sie uns 
die schon erwähnte Begabung, verstreut sich Bewegendes 
zu einem Bilde zu fixieren mit einem neuen Zeugnisse 
belegt. 

Man wird es mir erlassen, auf eine Analyse der 
Reuterschen Erzählungen eingehen. Es wäre auch schwer, 
nur einer Gruppe aus der Fülle lustiger Gestalten gerecht 
zu werden, von Jochen Päsel, in den Läuschen ange- 
fangen bis zu dem Manne aus der Urgeschichte, der alles 
Unglück der Menschheit davon ableitet, dass ,dat Land 
nich utkawelt worn is.' Ich will noch erwähnen, dass der 
Stil in den Schriften Reuters durch seine schmucklose 
Einfachheit und Natürlichkeit und dadurch sich auszeichnet, 
dass in der Wahl von bildlichen Ausdrücken geschmack- 
volle Enthaltsamkeit beobachtet wird. In den Dichtungen 
Reuters feiert der moderne Realismus seinen glänzendsten 
Triumph. 

Wilhelm Raabe (unter dem Pseudonym Jakob Cor- 
vinus verborgen) liefert eifrig Beiträge zu belletristischen 
Zeitschriften, hat auch schon eine Reihe grösserer Ar- 
beiten publiziert. Zu zwei Gattungen gehört alles was 
Raabe schreibt. Durch sehr gründliche Quellenstudien 
vorbereitet, sind ihm eine Reihe historischer Novellen 
vorzüglich gelungen. Dahin gehören ,der heilige Born*, 
,der Junker von Denow*, ,Lorenz Scheibenhart*, ,Unsers 



Digitized by CjOOQIC 



49 

Hergotts Kanzlei* und vieles andere. An der ausgebrei- 
teten Lektüre von alten Chroniken hat Raabe einen Stil 
gebildet, welcher ohne obsolet zu werden, doch zu Dar- 
stellungen aus dem XV — XVII. Jahrhunderte aufs beste 
passt. Aus dieser Lektüre hat aber Raabe noch wert- 
vollere Ausbeute geholt, eine klare und energische An- 
schauung des deutschen Lebens vor, in und nach dem 
grossen Kriege. Er malt mit Treue das Kostüm, doch 
nie pedantisch auf dem Kleinen verweilend, er ruft aber 
auch den Geist der alten Zeit wieder auf. Seine histori- 
schen Gestalten sind immer von ausserordentlicher pla- 
stischer Klarheit, seine Landsknechte — der Wrisberger 
im heiligen Born — seine Pastoren des XVI. Jahrhun- 
derts, seine ehrsamen Bürger der Reichsstädte treten in 
trotzigem Selbstbewusstsein vor den Leser und nie hin- 
dern sentimentale Splitter den Fluss altertümlicher Rede, 
Seit Raabe geschrieben hat , können in Deutschland 
schlechte historische Novellen und Romane nicht mehr 
auf den Markt gebracht werden. 

In sehr anderer Weise behandelt Raabe einen mo- 
dernen Stoff. In mehreren seiner hierher gehörigen Lei- 
stungen wie in der schönen ,Chronik der Sperlingsgasse' 
scheint den Dichter das Beispiel der alten biographischen 
Aufzeichnungen, die er durchforscht hat, zur Nachahnmng 
im Erzählen eines heute bescheiden verlaufenden Lebens 
gereizt zu haben. Kleine Exkurse, Ausbrüche persönlicher 
Empfindung trennen die Erzählung, aber man wird dreser 
lyrischen Episoden nie überdrüssig, denn sie sind stets 
liebenswürdig und ihr Umfang hebt den Genuss der 
Historie selbst nicht auf. 

In den früher erwähnten geschichtlichen Erzäh- 
lungen sehen wir alles so scharf wie in hellster kühler 



Schönbach. Über die humor. Prosa des XIX. Jahrb. 



Digitized by CjOOQIC 



50 

Morgenluft, über den modernen Novellen und Romanen 
von Raabe hängt eine seltsam träumerische Stimmung. 
Nicht so, dass die Umrisse verwischt würden , wie bei 
Novalis und Leopold Schefer, doch so, dass die leichte 
Betäubung uns mit ergreift. Man hängt seinen Gefühlen 
nach, verliert sich in Sinnen und nun ziehen langsam 
die Bilder vergangener Tage herauf mit allem Lieben 
und Guten, das sie gebracht hatten. Ein Kunstwerk in 
diesem Betracht ist die Geschichte ,der Dräumling.' Höchst 
eigentümlich ist es, wie dieses trübe, phantastische Hell- 
dunkel unterbrochen wird durch ganz realistischen, leuch- 
tenden Humor. Raabe hat viel gesehen und vom stillen 
Winkel aus viel Leid und Lust in den Stuben der kleinen 
Leute wahrgenommen. Für die beste Arbeit des Dichters 
möchte ich den Roman ,der Hungerpastor* halten. Plan 
und Entwicklung sind einfach. Dem Sohn eines armen 
Schusters in einer kleinen Stadt wird es von seiner Mutter 
durch viele Mühe und schwere Opfer möglich gemacht, 
zu studieren. Er ist erfüllt von mächtigem Hunger zu 
wissen und zu erkennen. Nach arbeitsvollem Universitäts- 
leben zwingt ihn die Not, Hofmeister zu werden. Hier 
mit der grossen Gesellschaft in Beziehung gebracht, er- 
fährt er ihre Nichtigkeit, er wird sich aber auch klar 
darüber, dass er zum Dichter und Reformator nicht ge- 
schaffen ist. Bis zum fernen unwirtlichen Gestade der 
Ostsee wandert er, um dort bei Schiffern und Fischern 
Pfarrer zu werden. Neben diesem Helden gehen nun eine 
grosse Menge episodischer, nur einige einflussreiche Fi- 
guren. Darunter ist der Schuster Nikolaus Grünewald, 
des Knaben Onkel, mit wärmster Liebe gezeichnet. Das 
Streben seines grossen Berufsgenossen Jakob Böhme hat 
er sich ins Praktische übersetzt und mit tiefsinniger Spe- 



Digitized by CjOOQIC 



51 

kulation erörtert er in den Briefen an die Universität 
Wert und Ziel des menschlichen Lebens. Er und die 
Neuntödter, die alten Kriegsgenossen in der Berliner 
Wirtsstube sind ob ihres köstlichen Humors jedem un- 
vergesslich. 

Wilhelm Raabe ist ein ernster und doch wieder 
fröhlicher Genosse in seinen Erzählungen, ein ganz ori- 
gineller Denker, von merkwürdiger Gestaltungskraft, - in 
der gesammten modernen Litteratur nur mit dem Ameri- 
kaner Nathaniel Hawthorne zu vergleichen. 

Alle Beschreibungen Tirols, des bairischen Hoch- 
landes, mit denen Ludwig Steub uns beschenkt hat, sind 
zugleich Gaben süddeutschen Humors. Ich sage ausdrück- 
lich süddeutschen Humors, der durch das Ablehnen der 
Wort- und die Betonung des Situationswitzes, ferner 
durch seine vollendete Harmlosigkeit eine eigentümliche 
Färbung erhalten hat. Steub lässt in seine Schilderungen, 
von Land und Leuten sich tief genug ein, um einzelne 
Charakterbilder rasch zu entwerfen, hie und da ein Ge- 
schichtchen mit einzuflechten. Und dann erzählt er rei- 
zend, wie die Legende von der heiligen Notburga beweist. 
Steub hat 1858 einen dreibändigen Roman ,Deutsche 
Träume* erscheinen lassen, der mit sehr lustigen Szenen 
geschmückt ist, jedoch einer peinlichen satirischen Stim- 
mung seinen Ursprung verdankt und dem durch Weit-, 
iäufigkeit die gute Wirkung verkümmert bleibt. Dagegen 
ist sein liebliches Idyll ,die Trompete in Es' ein wonniges 
Kleinod humoristischer Erzählungskunst. 

Der süddeutsche Humor besitzt in den Münchner 
fliegenden Blättern ein ständiges Organ. Dort hat Steub 
manche seiner Arbeiten niedergelegt, einige der heitersten 
Lieder Josef Viktor Scheffels sind da zuerst gedruckt. 



Digitized by CjOOQIC 



52 

die drastische Laune in den Zeichnungen und Versen 
von Wilhelm Busch ist hier ans Licht getreten. 

Es würde ermüden, wollte ich noch alle die Au- 
toren nennen, in deren Schriften hie und da humoristische 
Darstellung sich eindrängt. Im allgemeinen ist es erlaubt 
zu sagen, dass in der deutschen Prosa der Gegenwart immer 
mehr Boden von realistischem Humor gewonnen wird, 
kaum zum Schaden der Poesie. 

Es ist uns wol klar geworden, dass der deutsche 
humoristische Roman von der Idylle ausgegangen ist. 
Wird damit ein prinzipieller Unterschied zwischen der 
deutschen und englischen Technik auf demselben Ge- 
biete ausgesprochen? Allerdings. Um diess klar zu 
stellen, muss ich noch ein wenig bei dem Begriffe der 
Idylle verweilen. Ursprünglich ist die Idylle nur ein 
Bild. Eine Abendlandschaft, purpurner Sonnenunter- 
gang , der Friede des Tales , heimziehende Heerden, 
Bauern unter der Dorflinde sitzend — was jemand da- 
von erzählte, könnte er ein Idyll nennen und doch wäre 
es einem Maler leicht, all diese Dinge in einen Rahmen 
zu spannen. Die Idylle ist zuerst beschreibend. Indem 
Menschen redend eingeführt werden, erhält sie teils lyri- 
schen, epischen, dramatischen Charakter. Immer noch 
ist die Landschaft, das Bild die Hauptsache. Hebels alle- 
mannische Gedichte und Vossens kleine Idyllen liefern 
dafür Beispiele. Aber es kann nun auch, was zuerst Staf- 
fage war, am wichtigsten werden und es kann dem Dichter 
gefallen, vor allem zü erzählen, wie die behagliche Ruhe 
deis' Stilllebens in den Seelen der Menschen sich spiegelt. 
Dieses Stadium der Idylle bezeichnen Gessner und Bronner. 
Die beiden idyllischen Epen von Goethe und Voss bringen 
noch eine weitere Stufe. Rede und Handlung stehen nun 



Digitized by CjOOQIC 



im Mittelpunkte, das landschaftliche Beiwerk wird mit 
Sorgfalt ausgeführt, um die Stimmung nicht zu stören. 
Hier macht sich die freundliche Lebensanschauung, welche 
die Grundlage des Humors ist, in vollem Umfange gel- 
tend, um einige Zeit später in Jean Pauls Romanen be- 
wusst weiter entwickelt zu werden. In der Technik des 
deutschen humoristischen Romans ist ein Bild, eine pla- 
stische Situation, eine einzelne lebhaft der Phantasie sich 
aufdringende Figur der Ausgangspunkt. An diese reihen 
sich nun so lange farbige Skizzen, bis der künstlerische 
Sinn des Dichters sie anordnet und organisiert. Körner 
hat in dem schon angezogenen Briefwechsel mit Schiller 
bemerkt, dass Goethes Gedichte meist in der angedeuteten 
Weise entständen seien. Gustav Freytag hat in seiner 
Vorrede zur Ausgabe von Otto Ludwigs nachgelassenen 
Schriften, zum Teil mit dessen eigenen Worten, die dra- 
matische Arbeit in ähnlicher Weise geschildert. Ich brauche 
nicht aufzuzeigen, dass die Technik des englischen humo- 
ristischen Romanes fast den entgegengesetzten Weg 
einschlägt. 

Der deutsche Humor ist zahmer, harmloser, leichter 
zur Resignation geneigt und einzelnes von Reuter aus- 
genommen weniger in schweratmender Lebensfülle stro- 
tzend, als der englische. Vielleicht hängt diess mit seinem 
Ursprünge zusammen. 

Der deutsche Humor hat seinen schneidendsten, 
feindlichsten Gegensatz im deutschen Pessimismus, dessen 
lendenlahme Impotenz in die modernste Litteratur mit 
widerlicher Strebsamkeit sich eindrängt. Durch unwissen- 
schaftliche Spekulation begründet, hat er als die platteste 
und flachste der Religionen sich rasch eine gläubige Menge 
gewonnen. Die Zeitgeschichte schien durch einige De- 



Digitized by CjOOQIC 



54 

zennien das Wachstum dieses markverzehrenden Schling- 
gewächses zu begünstigen. Das ist nunmehr anders. Die 
kleinlichen Schranken sind gebrochen, weggeblasen sind 
die Zäune, die Bahn ist frei und sie füllt sich mit Rin- 
gern. Wo sind die Söhne des Pessimismus? Wir sehen 
sie nicht, nur ein verklingendes heiseres Gelächter hinter 
jener Hecke kündet davon, dass sie noch atmen. Sie 
zählen nicht mehr mit, denn auf dem neuen Boden, den 
unser Volk sich geschaffen hat, gilt nur die Arbeit. 



Digitized by CjOOQIC 



m. 



JJie amerikanische Litteratur ist nicht alt. Vor 
dem Unabhangigkeitskampfe waren die litterarischen Be- 
dürfnisse sehr gering. Da war noch die Kolonisations- 
ärbeit im engsten Sinne des Wortes zu leisten. Der Mann 
baute das Blockhaus, säte Welschkorn, jagte den Büffel 
und schlug den Indianer ; alles, was innerhalb der Zäune 
zu tun war, fiel der Frau anheim. Kaum dass am Sabbat 
eine Stunde frei blieb, um die Bibel zu lesen. Im Süden 
stand es etwas besser. Die ausgebreiteten Pflanzungen 
der grossen Kavaliere wurden von Negern besorgt, dem 
Herrn und seiner Familie blieb genügende Müsse für ein 
Buch. Das verschafften i h m und dem wolhabenden Bürger 
in den nördlichen Städten die englischen und französischen 
Händler, welche mit Vergnügen in den Kolonien Absatz- 
stätionen für verlegene Waare entdeckten. So wurde denn 
im Lande selbst nur wenig produziert, überhaupt nur 
wenig gedruckt, so dass schon jetzt Bücher, die vor 1776 
entstanden sind, zu den Seltenheiten gehören. Mit dem 
Abfall vom englischen Mutterlande wurde es anders. Nicht 
bloss die materiellen Kräfte des Volkes wurden aufs 



Digitized by CjOOQIC 



56 

äusserste angespannt. Bancroft hat in seinem nunmehr 
abgeschlossenen Geschichtswerke uns ein grossartiges Bild 
entrollt von der reissend schnellen Entfaltung auch aller 
geistigen Potenzen. Der Kampf schuf erst Amerikaner. 
Bis dahin waren die Kolonisten Engländer, Franzosen, 
Holländer, Deutsche gewesen, sie hatten sich bemüht, 
in dem wilden Leben die Züge ihrer Abstammung nicht 
zu verwischen, wahrten sorgfältig im Hause den heimat- 
liehen Brauch und fühlten den Zusammenhang mit den 
Volksgenossen in Europa. Erst wehrten sie zögernd die 
fremden Lasten ab — voran die Kaufherren der Städte 
— langsam wurden auch die Farmer des Westens von 
der Begeisterung ergriffen und erkannten das Wichtige 
selbständigen Staatslebens. In dem unaufhaltsamen Vor- 
wärtsdrängen, Schulter an Schulter, schliffen sich alle 
nationalen Eigenheiten ab und als der Friede geschlossen 
wurde, unterzeichnete ihn — der Yankee. Nun erwachte 
der Eifer litterarischer Produktion. Zeitungen vvurden 
in rascher Folge gegründet, es forderten sie der Ver- 
kehr und vor allem die in Fluss geratenden politischen 
Interessen. Der Ehrgeiz der jungen Staatsgemeinde be- 
gehrte auch Dichtung, die auf dem eigenen Boden blühen 
sollte. Dazu war die Zeit fürs Nächste noch nicht ge- 
kommen. Die Ausbreitung des Gebietes der Union, die 
Befestigung des Gewonnenen und die innere Organisation 
der älteren Landesteile heischten den Aufwand der besten 
Kräfte. Wenn trotzdem die Amerikaner von ihrer Litte- 
ratur des XVIII. Jahrhunderts sprechen, so sind sie in 
Selbsttäuschung befangen. Dem Dutzend Dichterlinge, die 
Oden in schwächlichem Pathos oder gereimte Erzählungen 
im langweiligsten Tone fabrizierten , wird man besondere 
Achtung versagen müssen. Sie haben nicht nur geringes 



Digitized by CjOOQIC 



57 

Talent, sondern dieses ist auch vollkommen von der eng- 
lischen Dichtung in der ersten Häffte des Jahrhunderts 
abhängig. Sie teilen mit dem alten Lande die Vorliebe 
für die Allegorie, sie studieren den Sprachschatz der eng- 
lischen Poeten und bauen die künstlichen Perioden von 
J. Philips, Waller u. A. mühsam nach. Noch mehr als die 
Dichter sind die Kritiker der Zeit abhängig von England. 
Es ist überaus bezeichnend, dass Cooper, Washington 
Irving, sogar noch Nathaniel Hawthorne daheim anfangs 
recht geringschätzig behandelt wurden und erst das helle 
Lob der Londoner und Edinburgher Rezensenten ihnen 
eine, nun freilich überstürzend enthusiastische Aufnahme 
in der Heimat bereitete. Ja, so sonderbar es klingt, das 
gilt zum Teil noch heute, pur den amerikanischen Dichter 
ist es wichtiger, was ,Athenäum*, ,Saturday Review* und 
,Academy* über ihn berichten, als die Anzeigen in den 
Newyork und Philadelphia Magazines, und zwar weniger, 
weil die erst genannten Blätter die Rentabilität seines 
Buches in Europa entscheiden, als weil sie auch für die 
amerikanische Kritik massgebend sind. Es hüten sich viele 
Amerikaner noch, ein Verdikt abzugeben, ehe sie erfahren 
haben, was man in England zu der neuen Schrift meint. 
Einzelne Bücher amerikanischen Ursprungs erscheinen 
noch allein in England, viele zugleich hüben und drüben. 
Das Jahr 1800 etwa bezeichnet den Anfang einer 
nordamerikanischen Litteratur. Sie ist sehr eigentümlicher 
Art. Ihre Richtungen sind durch die Verhältnisse in den 
vereinigten Staaten bestimmt, und diese haben einen von 
allen europäischen ganz verschiedenen Zuschnitt. Die Bür- 
ger der Union haben seit dem Beginne unseres Jahrhun- 
derts eine Arbeit geleistet, die ihres gleichen in der Ge- 
schichte der Menschheit nicht hat. Man legte auch in Eng- 



Digitized by CjOOQIC 



58 

land, Frankreich und Deutschland die Hände nicht in den 
Schooss, Industrie und Handel feierten njcht in der alten 
Welt — aber an Umfang und Inhalt der Tätigkeit blieb 
man weit zurück. Dort wurden riesige Länderstrecken, Ur- 
wald und Prairie der Feldwirtschatt erobert, mit jeder neuen 
Hütte, aus Balken leicht aufgezimmert, ward in den Staaten 
eine offizielle Niederlassung mehr gezählt. Dieses Kulti- 
vieren gieng mit wunderbarer Raschheit vor sich, freilich 
erleichtert durch die Unfähigkeit des roten Mannes zum 
Widerstände. Zugleich bot die Bevölkerung des älteren 
Länderteile alle Energie auf, verwandelte den extensiven 
Ackerbau zum intensiven und stellte das Prinzip auf, die 
Hauptbedürfnisse der Staaten müssten durch inländische 
Produktion gedeckt werden. So beginnt der zauberhafte 
Aufschwung der amerikanischen Industrie. Durch lose 
Gesetzgebung wenig beschränkt, entfaltet sich eine aus- 
gedehnte spekulative Geldwirtschaft. Form und Gehalt 
eines neuen Lebens erweitern sich gleichzeitig. Freilich 
bringt steter Nachschub frische ungebrochene Kräfte aus 
Europa, aber es ist auch nichts Geringes, diesen jährlich 
andringenden Menschenschwall zu absorbieren und ihn an 
die Punkte zu verteilen, auf denen er vor allen andern 
nötig ist. Keine Stufe des Reichtums genügt, der ameri- 
kanische Millionär lernte erst im letzten Dezennium die 
Selbstpensionierung, die bedeutenden Kapitalisten haben 
ihr Vermögen in den verschiedensten Unternehmungen 
fort und fort arbeitend angelegt. Ein dämonischer Zug 
des Wachsens und Anschwellens an äusserer Machtfülle 
geht durch alle Schichten. Weltstädte schiessen empor 
wie Pilze. Chicago, die Gartenstadt, hatte 1830 Hundert 
Einwohner, 1837 4000, 1847 8000, 1857 lOO.OOO heute 
über 300.000. 



Digitized by CjOOQIC 



59 

Man sieht die Herrschaft des Ahnighty dollar ist 
keine Fabel. Während der breite Silberthaler schwerPallig 
sich bewegt und. den sichern Besitz behäbig vertritt, ist 
der winzige glitzernde Golddollar von fabelhafter Gelen- 
kigkeit, er hat seinen Zweck stets ausser sich selbst und 
treibt zur Zirkulation. Er ist demokratisch, radikal. Der 
deutsche Bauer bewahrt den Segen seiner Ernten, die 
weissen ThalerroUen im alten Strumpf oder in der Ofen« 
blase, wer könnte sich den amerikanischen Dollar in 
solcher Gesellschaft denken? Seine Heimat ist das Komp- 
toir oder — der Spieltisch. 

Das rastlose Treiben im Dienste der Materie, das atem- 
lose Jagen nach Steigerung des Besitzes übt natürlich seine 
Wirkung auch auf alle Sphären des geistigen Lebens. Sie 
zeigt sich hier in einem Gegensatz, einem Rückschlag. Vor- 
erst auf religiösem Gebiete. Wenn man auf einer Karte der 
vereinigten Staaten mit farbigen Strichen die Verteilung der 
Kirchen, Bekenntnisse und Sekten andeuten wollte, so 
würde — wofern die Zahl der Farben reichte — ein ausser- 
ordentlich buntes Bild zum Vorschein kommen. Das vor- 
trefflich geschriebene Buch von Hepworth Dixon ,New Ame- 
rica* unterrichtet uns hierüber. Die Religionsparteien sind 
alle sehr streng, was das Einhalten ihrer Vorschriften an- 
langt. Einmal ergriffene Prinzipien werden von ihnen mit 
grosser Konsequenz durchgeführt. Die älteren Shakers 
hielten ihre Ehelosigkeit ebenso heilig wie die Mormonen 
die Polygamie. Die alten Kirchen finden auch auf ameri- 
kanischem Boden die eifrigsten treuesten Anhänger, die 
Proklamierung der Unfehlbarkeit hat bei den Katholiken 
dort keinen Widerstand gefunden. Wenn nun auch ein 
Teil dieser Festigkeit im Glauben dem Umstände zuge- 
schrieben werden kann, dass von sich so vielfach kreu- 



Digitized by CjOOQIC 



60 

zenden Meinungen jede einzelne im Kampfe mit den an- 
dern um so straffer festgehalten wird, so genügt doch 
diese Erklärung nicht vollständig. Aber unbegreiflich sind 
diese Tatsachen keineswegs und das Staunen, welches 
sie in Europa hervorgerufen haben, ist ungerechtfertigt. 
Menschen, die in aufreibender Arbeit ihr Leben verzehren, 
ohne dass die Arbeit ihren idealistischen Trieben Genüge 
leisten kann, bedürfen notwendig einer Stütze, die "sie 
bald ausser sich selbst suchen und greifen mit Hast dar- 
nach, wenn eine wolgerüstete sich bietet. Sie umklam- 
mern diese Stütze und lassen sie fortan nicht mehr. 
Deutsche Schriftsteller waren öfters geneigt, über die 
Frömmigkeit der Amerikaner sich zu entrüsten, sie ver- 
gassen eben, dass nur in Deutschland republikanische 
Gesinnung und freies Denken in religiösen Dingen für 
identisch gelten und diess vermöge des Ursprunges, den 
bei uns, der Begriff der Republik hat. In der Litteratur 
jedoch haben die religiösen Bedürfnisse Deutschlands und 
Amerikas gleich starken Ausdruck gefunden. Die Rubrik 
»Theologie* ist in den Jahresverzeichnissen der deutschen 
Buchhändlerbörse noch immer die umfangreichste. 

Es nimmt daher in der dichterischen Produktion 
Nordamerika's die religiöse Poesie eine bedeutende Stelle 
ein. Ebenso wie in dieser das poetische Moment in der 
gänzlichen Abkehr vom praktischen Leben gefunden wird, 
so auch zumeist in den übrigen Gattungen. Die profane 
Dichtung meidet das nüchterne Tageslicht. In gebundener 
und ungebundener Rede schlägt sie hauptsächlich zwei' 
Richtungen ein. Entweder sucht sie ihre Stoffe in der 
Ferne, sie verherrlicht den roten Mann und lässt die 
spanische Alhambra wieder erstehen, sie malt eine träu- 
merische Zukunft und vertieft sich in körperlose Alle- 



Digitized by CjOOQIC 



61 

gorien, oder sie gestaltet mit kühner Phantasie das nüch- 
terne Leben um, setzt im Sinne T. A. Hoflfmann's Spuck 
und Gespenster in die Räume voll hellen Tageslichtes, 
unterwirft den Menschen magischen Gewalten und reizt 
die Phantasie zu grauenhaften Ausartungen. 

Zwischen diesen beiden divergierenden Auffassungen, 
die nur darin übereinstimmen, dass ihnen die menschliche 
Tätigkeit unpoetisch ist und die bis vor wenigen Jahren 
das Übergewicht hatten, geht die Reihe von Dichtern, mit 
der wir uns hier hauptsächlich zu beschäftigen haben. 
Das Objekt ihrer poetischen Krafl ist der schaffende Mensch ; 
all die zahllosen Phasen und Abstufungen der Arbeit, 
welche das junge, grosse Land aufweist, sind ihnen will- 
kommen als Gegenstände ihrer Schilderung, ihr Griffel 
ist der Humor. 

Ich musste so weit ausholen, um den Werken, von 
denen ich sprechen will, ihre Stellung besser anweisen 
und sie von Nebenbeziehungen befreien zu können, mit 
denen sie nichts zu schaffen haben. 

Der erste amerikanische Romanschriftsteller von 
Bedeutung ist Charles Brockden Brown 1771 — 1810. Seine 
Romane, von denen die besten ,Wieland*, ,Ormond' und 
,Edgar Huntley* betitelt sind, liefern den Beweis, dass die 
eben charakterisierte, phantastische Richtung schon vor- 
handen war, ehe die deutsche Romantik Einfluss gewann 
und also nicht, wie man wol gemeint hat, von dieser 
abhängig sein kann. 

Sie sind auch sonst litterarhistorisch interessant, in- 
sofern Constantia in ,Ormond* als die Vorläuferin zu Long- 
fellows ,Evangeline* angesehen werden kann, während »Ed- 
gar Huhtley' Material und Technik für den Indianerroman 
geliefert hat, der bald darauf Cooper's Weltruhm schuf. 



Digitized by VjOOQIC 



62 

Wer sollte nicht den Lederstrumpf kennen? Wem 
nicht der Roman selbst begegnet, der hat doch sicher 
schon als Knabe die Bearbeitungen mit Kupfern auf seinem 
Weihnachtstisch gefunden. Mehrere Jahrzehnte lang ist 
aus diesen Büchern das Ideal deutscher Schuljungen auf- 
gestiegen und hat den alten Robinson Crusoe verdrängt. 
Der Plan in den Cooperschen Romanen ist schwach. Es 
ist ein armseliger Faden, an dem die aufregenden Aben- 
teuer angereiht werden ; bald verschwindet er augenblicks, 
bald reisst er ganz ab. Die Charaktere sind nichts we- 
niger als konsequent. Sie wechseln ihre Eigenschaften 
nach der augenblicklichen Lage der Erzählung. Es sind 
überhaupt nicht Charaktere mit stark ausgebildeten Zü- 
gen. Man betrachte nur Coppers Frauen. Sie sind ganz 
langweilige, mattherzige Geschöpfe, ohne Blut und Leben 
und eigentlich nur dazu da, um in Gefahr zu geraten und 
dadurch die sie umgebenden Männer zu höchstem Mute 
anzuspornen. Nur die Farbe des Haars unterscheidet und 
selbst diese Differenz fest zu halten ist schwierig, wenn 
— wie es dem Autor wol geschieht — die passive Heldin 
in den ersten Kapiteln sich goldblond trägt, während sie 
in den letzten Rabenlocken vorzieht. 

Kaum viel besser sind die Männer. Es gibt unter 
ihnen allerdings mehr Typen. Ein junger Mann, voll Un- 
ternehmungsgeist , vornehm, vielleicht auch der Geburt 
nach, tapfer aber unerfahren, erst die Not muss ihn er- 
proben. Einige gutmütig brummende Krieger, dann die 
Indianer und der Pathfinder, Deerslayer, Hawkeye, Leather- 
stocking. Die Indianer Coopers sind der Mehrzahl nach, 
wie wir wissen, total verzeichnet. Von allen den Nuancen 
der Grossmut bleibt kaum eine wahre übrig, richtig ge- 
troffen ist nur der listige Ratgeber, dessen Gesicht, Gehör 



Digitized by CjOOQIC 



63 

und Geruch Unglaubliches leisten, der kaltblütig skalpiert, 
noch lieber mordet und der bitterste Feind des alten 
Waldläufers ist. Und dieser selbst? Unglücklich wird der 
Leser, wenn sein geliebter Heros den Mund auftut. Denn 
dann entströmen ihm Worte der Weisheit in unendlicher 
Flut, er trieft von Salbung und macht originelle Beo- 
bachtungen über die Sündhaftigkeit der Menschen. 

Ich habe bei diesen Bemerkungen aus den 34 Ro- 
manen Coopers nur die Kette berücksichtigt, welche durch 
den Trapper zusammengehalten wird. Aber es ist in den 
Seeromanen nicht anders. 

Was übt bei diesen Erzählungen die merkwürdige 
Anziehungskraft? Man sagt gemeinhin, die Schilderung 
fremdartiger Natur in ihrer wilden Schönheit, sei es der 
Urwald, die Prairie oder die wogende See. Die Beschrei- 
bungen sind gewiss eindrucksvoll. Sie sind nicht aus der 
Phantasie geholt und es leuchten also nicht nur einige 
Hauptpunkte, alles dazwischen Gelegene in um so grös- 
serem Dunkel lassend; alle Details sind sorgfältig nach 
der Anschauung gegeben und zwar mit peinlicher Ge- 
nauigkeit. Sie sind dabei so vortrefflich gruppiert, dass 
sie immer klar bleiben und ein aufmerksamer Leser kann 
über jedes Fleckchen, das eine Person der Erzählung 
betrifft, wol orientiert sein. 

Dass Coopers Seeromane gleichfalls den Vorzug 
haben, nach der Natur berichtet zu sein, gerät leicht in 
Vergessenheit, da die lustigen Midshipmengeschichten 
Marryats mit ihrem sentimentalen Ausgange, alle über 
denselben Leisten geschlagen, dem Amerikaner den grös- 
seren Teil seines Publikums gekapert haben. 

Schilderungen allein haben jedoch immer nur für 
einen engen Kreis langsam Geniessender Interesse, in 



Digitized by CjOOQIC 



64 

ihnen kann also der Hauptreiz nicht liegen. Der 
Hauptreiz ist die Gefahr. Wenn die Gesellschaft der Rei- 
senden Schritt für Schritt im dunklen Gestrüpp, überragt 
von uralten Bauinriesen einherzieht, führt durch alle ängst- 
liche Bewegung, denn in der stillen, schwülen Luft lauert 
die Gefahr, das leise Knacken eines Astholzes erschreckt., 
es kann ein Indianerfuss gewesen sein, dann schlägt die 
Ruhe um in tobendes Geschrei, es wütet blutiger mör- 
derischer Kampf. Cooper beherrscht vollkommen und 
beherrscht raffiniert alle Mittel, welche das zögernde Heran- 
nahen der Gefahr anzeigen. Erst spannt er durch Aus- 
malen einer düsteren Naturszene, er weist hin auf die 
vielen Verstecke, die dunklen Hinterhalte, aus denen die 
Gefahren kommen, dann warnt er, — das Krächzen einer 
Krähe, der Ruf eines Uhu zu ungewöhnlicher Stunde — 
und immer häufen sich die Zeichen, nur sichtbar für den 
Leser, der nun für seine nichtsahnenden Helden von pein- 
licher Furcht gepackt wird. Meisterstücke dieser Art sind 
die Szene bei den Booten im ,Deerslayer', der nächtliche 
Kampf mit dem Piratenschiff im ,Red Rover*. Die Kata- 
strophen werden dann auch mit hinreissender Lebendig- 
keit vorgeführt. Cooper macht den Leser zum Teilnehmer 
an der Handlung. — Als wirksamen Kontrast gegen die 
Nacht- und Blutbilder lässt Cooper an manchen Stellen 
trockene Komik walten. Zum Humor weitet sich diese 
nur in den paar sonst verunglückten politischen Romanen 
aus, wie in ,Homeward bound*. Da Coopers Schriften je- 
doch den amerikanischen Roman nach Europa gebracht 
haben, da die ihnen innewohnende Kunst der Schilderung 
mit den kleinen Handgriffen auf die nächsten Erzähler 
übergegangen ist, so mussten ^ie hier aufgenommen wer- 
den. Auch noch, da durch sie zuerst gezeigt wurde, ori- 



Digitized by CjOOQIC 



65 



ginell amerikanisches Leben böte reichen Stoff für poe- 
tische Darstellung. Freilich nur einseitig geschautes ame- 
rikanisches Leben. Denn die alte Anekdote, dass deutschte 
Auswanderer in den zwanziger Jahren sich auf dem Bor 
den der. neuen Heimat gewandt, benommen und mit den 
Sitten der Heimischen genau vertraut gezeigt hätten, einer 
Anfrage um die Quelle ihrer Kenntniss antwortend : „das 
jiaben wir aus Cooper" — diese Anekdote dürfte wol 
kaum mehr einen Gläubigen finden.. 

Washmgton Irving entstammte einer angesehenen 
Kaufmannsfamtlie in New- York. 1 783 geboren, trat er 
schon 1801 und 1802 als Schriftsteller auf, indem er unter 
dem Pseudonym Jonathan Oldstyle humoristische und sa- 
tirische Briefe veröffentlichte. Nach einer zur Kräftigung 
seiner Gesundheit unternommenen Reise nach Italien, setzte 
er mit behaglicher Müsse seine litterarischen Arbeiten 
fort , bis er bei dem Ausbruche des . neuen Kriegs mit 
England freiwillig in das Heer eintrat. Aus demselben 
schied er als Colonel. Seine Absicht, das Kaufhaus 
Irving in Liverpool zu .vertreten , scheiterte an dem 
gänzlichen Verluste des Vermögens der Familie. Schrift- 
stellerische Arbeit wurde min Notwendigkeit. Erst 1832 
kam Irving nach Amerika zurück und Hess sich in der 
Nähe des von ihm beschriebenen ,Sleepy hollow* nieder. 
Seine Besitzung taufte er , Wolfert*s Roost*, die dort ge- 
schriebenen Skizzen tragen denselben Namen. 1841 wurde 
Irving mit der Übernahme des Gesandtenpostens in Ma- 
drid, das er schon von früher kannte, betraut. Kurz vor 
der Abreise traf er, .wie Dickens erzählt, mit diesem in 
.dem Salon. des Präsidenten zusammen. Schon 1846 ab- 
berufen, kehrte er nach der Heimat zurück und starb am 
.28. November. 1859. 



Schönbach. Über die faumor. Prosa des XIX. Jahrh. 



Digitized by 



Google 



66 

Washington Irving ist der erste Humorist Amerikas 
der Zeit und dem Range nach. Schon in den frühesten 
Skizzen kündigte sich das Talent des Verfassers an und 
erregte Hoffnuiigen, welche die 1809 erschienene ,H1story 
x)f NeWrYork by Diedrich Knickerboker* reichlich erfüllte. 
Sie erzählt die Gründung der Stadt durch holländische 
Kolonisten, deren Nachkommen noch jetzt die Spitzen 
der vornehmen GeseUschaft abgeben. Mit der köstlichsten 
Laune werden die Niederlassungen dieser alten Gründer 
beschrieben und doch wieder so geschickt der Chronisten- 
stil festgehalten, dass einige Zeit lang an die Echtheit 
der Angaben Knickerbokers steif geglaubt wurde. Man 
kann sich keinen glücklicheren Stoff für humoristische 
Darstellung denken. Die Schwerfälligkeit, die Pedanterie 
und das langsam systematische Wesen, dann wieder die 
porzellanene Reinlichkeit und Nettigkeit der altholländi- 
schen Kolonisten, ihre zierlichen Häuschen und Gärten, 
der sicher aufblühende Wolstand kontrastieren in fröh- 
lichster Weise mit der romantisch-grossartigen Schönheit 
der Ufer des Hudson, nehmen auf diesem üppigen, tief- 
grünen Hintergrunde sich reizend aus. Das volle Ver- 
ständniss einzelner Partien ist zwar nicht ganz möglich, 
da kleine lokale Beziehungen erörtert werden, aber die 
schalkhafte Lustigkeit der Geschichte reisst jeden fort. — 
Von Irvings grossen historischen und deskriptiven Wer- 
ken, von dem Christopher Columbus, seiner Biographie 
Mahomets und des Nachfolgers desselben, vor allem aber 
seinem herrlichen ,Life of George Washington* sehe ich 
vollständig ab , um mich seiner Sammlung von kleinen 
Aufsätzen zuzuwenden, welche den einfachen Titel ,Sketch 
book* trägt. 

Der Inhalt dieser Sammlung ist recht mannigfaltig. 



Digitized by CjOOQIC 



67 

Erzählungen, Beschreibungen, Studien, Essays liegen darin 
vor. Von den Erzählungen sind nur zwei etwas mehr 
ausgeführt : ,Rip van Winkle* und ,The legend of Sleepy 
HoUow/ Beide Stücke sind von Knickerbocker unter- 
zeichnet. Rip van Winkle! Jeder amerikanische Schul- 
knabe kennt ihn, man erbaut sich an ihm im Salon und 
in der Blockhütte, er ist für die Zeitungsleser eine Figur 
stehender Anspielung geworden, wie bei uns die Gestalten 
der Schillerschen Dramen. Rip van Winkle ist Einwohner 
einer kleinen holländischen Ortschaft am Fusse der Kaats- 
killhügel. Er ist ein friedlicher Mann, gutmütig und be- 
scheiden. Nur eine Eigenheit besitzt er, unüberwindliche 
Abneigung gegen jede Art gewinnbringender Arbeit. Er 
ist im Stande unermüdet bei gutem und bösem Wetter 
zu fischen und zu jagen, er kann aufs härteste für einen 
Nachbar sich plagen, der ihm ein gutes Wort gibt, aber 
er hat grenzenlosen Abscheu, für sein eigenes Haus etwas 
zu tun, das übernommene Gütchen wird immer kleiner, 
Garten und Hütte verfallen. Damit ist seine Frau natür- 
lich gar nicht einverstanden. Sie keift und schilt an dem 
Gemahl herum, der nun jede Gelegenheit benutzt, sich 
aussen herumzutreiben. So zieht er denn auch eines schö- 
nen Herbsttages mit seiner Vogelflinte und in Begleitung 
seines treuen Hundes Wolf nach den Bergen. Ermüdet 
sich ins Gras werfend sieht er aus der Tiefe des steinigen 
Tales langsam einen Mann in altholländischer Kleidung 
mühsam heraufklettern mit einem Fass am Rücken. Rip 
van Windle wird gerufen, steht dem Fremden bei und 
begleitet ihn zu einer Gruppe von Holländern, die stumm 
Kegel schieben. Schon vorher war ein donnerndes Rollen 
ihm unerklärlich gewesen. Da er nicht mit den Männern, 
die ernst und geheimnissvoll aussehen, spielt, so hält er 



5* 



Digitized by CjOOQIC 



68 

sich ans Trinken und schläft bald ein. Wieder erwacht 
findet er sich, auf dem alten Grasplatz. Seine Flinte ist 
rostig , ihr Schaft wurmstichig , sein Bart einen Fuss 
lang und seine Knie schlottern. Der Hund ist verschwun- 
den. Er kehrt ins Dorf zurück, niemand kennt ihn, er 
kennt niemand, ist der Kinder Spott. Sein Haus ist halb 
eingestürzt, es zeigt sich, dass er zwanzig Jahre in den 
Kaatskillmountains zugebracht hat. Eine königliche Pro- 
vinz verHess er und findet eine Republik. 

Die Geschichte ist gewiss sehr einfach. Und doch 
liegt ein unglaublicher Reiz in ihr. Die Beschreibungen 
haben eine wunderbare Frische; es gibt keine genügende 
Vorstellung von der Kunst der Erzählung, wenn man 
sagt: Rip van Winkle lebt darin. Er ist vollständig er- 
funden, es wird aber keiner behaupten wollen, dass er 
nicht gelebt habe. Er muss ja gelebt haben; Er ist eine 
historische Figur. 

Nicht minder anmutig ist die Legende von Sleepy 
Hollow. Am Tappan Zee in Tarry Town verliebt sich der 
Schulmeister Ichabod Crane aus Connecticut in Gertrud 
van Tassel, eines reichen Farmers Tochter, mehr des 
trefflich besetzten Tisches als ihrer selbst wegen. Ein 
Begünstigterer Brown Bones, läuft dem Schulmeister den 
Rang ab und rächt sich an ihm dadurch, dass er die 
Sage vom kopflosen hessischen Reiter benutzt, Ichabod 
Crane harten Schrecken einzujagen und ihn somit aus 
dem Dorfe zu vertreiben. Die Harmlosigkeit dieser hei- 
teren Geschichte, ihr ganzer Ton ist bezaubernd. 

In manchen Erzählungen wird ein Thema nur an- 
geschlagen, ohne ausgeführt zu werden, wie in der er- 
greifenden Studie ,The Wife*, welche den Opfermut einer 



Digitized by CjOOQIC 



6d 

Frau, deren Ciatte sein Vermögen verloren hat, ctarstellt. 
Man darf nicht glauben, Irving habe hier sein eigenes 
Geschick erzühlt, er war nicht verheiratet und hielt das 
Gedächtniss des Mädchens heilig , das als seine Braut 
gestorben war. 

Viele der Sketches sind englischem Leben und 
englischen Zuständen gewidmet. Darunter ragt die Reihe 
besonders hervor, welche die Schilderung der Weihnacht 
enthält. Sie besteht aus fünf Stücken, die zuerst unter 
dem Titel ,Bracebridge Hall* veröffentlicht wurden. Die 
Züge , welche der Schilderung mit Bozens ähnlichen 
Arbeiten gemein sind, hat Irving nicht geborgt. Nie- 
mals ist der Komfort des engUschen Landgutes, die 
Fröhlichkieit des Christfestes, der Genuss des harmonischen 
Familienlebens so herzerquickend beschrieben worden 
wie hier von dem Amerikaner. Selbst die reizenden kleinen 
Erzählungen von Boz scheinen blass in den Farben, gegen 
Irving gehalten. 

Der Humor Washington Irvings ist der eines hoch- 
gebildeten Mannes. Nicht ängstlich aber mit SorgiFalt die 
Formen feiner Gesellschaft beobachtend, legt er seine 
heitere Auffassung des Lebens lieber in die Charakteristik 
der Personen, als in das Zusammentreffen kömischer 
ÄusserUchkeiten. Er wird nie derb aber auch nie geziert. 
— An dem Beifall, den seine Werke sich errungen haben, 
nimmt sein Stil nicht geringen Anteil. Klänge es nicht 
zu sonderbar, so könnte man sagen, von den Haupthelden 
seiner Werke sei der Sinn für geschmackvolle Sauber- 
keit auf ihn übergegangen. Die nachlässigen Könstruk* 
tionen, welche man den besten amerikanischen Skribenten 
vorwerfen kann , die absonderlichen Neubildungen j das 
Aufnehmen zahlreicher Wörter aus dem Slang, diese un- 



Digitized by 



Google 



70 

angenehmen Beigaben fehlen Irvings Schreibart Vollstän- 
dig. Sie ist geradezu klassisch und die Werke Irvings 
können in dieser Beziehung nur den ersten Leistungen 
französischer Prosaisten gleichgestellt werden. 

Von dem Schriftsteller, den ich nun zu besprechen 
habe , sind die verschiedensten Meinungen in Umlauf. 
Manche halten Edgar All^n Poe für einen der grössten 
amerikanischen Litteraten, ja für den grössten, andere 
wiederum erklären ihn für halbverrückt, seine Gedichte 
«nd Era^ählungen für unlesbar. Sein Loos ist also dem 
seinem - Geistesverwandten Cöleridge ähnlich. Bei Poe 
mnss man sich hüten, den Menschen und den Dichter zu 
vermengen, in diesem Falle würde der Dichter entschieden 
benachteiligt sein. Denn, um es zu gestehen, von Poe's 
Leben ist nichts Gutes zu sagen. Er ist eine abscheulich 
undankbare Kreatur, die Härte der Lieblosigkeit 
kennzeichnet sein Wesen, den niedrigsten Leidenschaften 
ist er anheim gegeben. Er ist l8ll in Baltimore geboren 
und wurde nadi dem Tode seines Vaters von einem wol- 
babenden Pfarrer adoptiert. Die reichlich und nach allen 
Trennungen immer wiederholten Woltaten löhnte er mit 
Ausschweifungen ärgster Art und mit einem Ende, das 
lebhaft an den Tod unseres Christian Günther mahnt, 
dessen Elend jedoch zum Teil wenigstens unverschuldet 
war. Poe starb 1849. Seine Werke haben soeben durch 
John Ingram eine 4bändige Prachtausgabe (Edinburgh, 
Black) erfahren. Poe's Gebiet ist das Grauen, der Schre- 
cken. Die meisten seiner Erzählungen gleichen Visionen 
düsterer Nächte, sie sind getränkt mit Blut und Mord. 
Poe ist raffiniert in der Auswahl seiner Themen. Der Stoff 
selbst ist aber noch das am wenigsten Schauderhafte, die 
Behandlung ist es. Denn Poe gibt seine Stücke nicht als 



Digitized by CjOOQIC 



71 

Ausbrüche ünge:^ägelter Phantasie $ als HaUiuiuatiöoeh 
überreizter Leidenschaft, sondern er erzahlt sie wie.itäg^ 
liehe Anekdoten, er prüft, er untersucht, ...er. ruht nicht 
bis alles Übernatüfliche hinausgeschafft ,ist und i. das 
Erklärbare .urti so grässlicher alliein zurücfebteibl. Er 
beträchtet den Inhalt -seiner Erzählungen Wie ein wissen- 
schaftliches Problem, mit einem Scharfsinn und -leiiker 
Kombinationsgabe, die ihres Gleichen schvverliich findien, 
arbeitet er sie durch, und ist so stolz auf das Resultat 
seiner Forschungen, wie auf eine iieue WahrheSt. Güü-» 
hende Phantasie und kältester Verstand arbeiten einande« 
in die Hände. — Der ,Mörd in der Rue Morgue* ist iii 
Deutschland wolbekannt. Er ist aber nicht Poes . beste 
Leistung in diesem Genfe. Das ist der »Goldkäfer*. 

; Der Zufall spielt dem Helden der Geschichte ein 
Stück Pefgament in die Hand, das, in die Nähe: deö Feneirs 
gebracht und erwärmt, die Zeichnung eines .T6dtehko|rfes 
juhd mehrere Zeilen feinster Ziifernschrift aüfsireist,.' Welche 
mit chemischer Tinte geschrieben .Waren* Did Worte :und 
-Zahlen, welche der Scharfsinn d^s Besitzers herausbringt, 
sind. dunkel und zu^mmenhangslos. Es gelingt aber und 
4iessmal durch die wunderbarsten, kühnsten und schärf- 
sten Kombinationen gewiss zu machen, das Pergament- 
Matt enthalte eine Instruktion , welche der Seeräuber 
Kapitän Kidd zur Wiederauffindung des voö ihm ver- 
grabenen Goldschatzes hinterlassen hat. Legrand, der 
Verfasser und det Neger Jupiter heben nun das Ver- 
mächtttiss des Piraten^ Der Schwerpunkt der Elrzählurig 
ruht in der methodischen Tätigkeit Legrands. Nicht minder 
sind ,The Mystery of Marie Rogöt*, ,The Purloined letter* und 
andei!e Rechenexempel, miit dem Aufwände staunenswerter 
Geisteskraft angestellt Mehrere Stücke haben den Zweck, 



Digitized by CjOOQIC 



72 

das Furchll)ärste zu schildern, was ein Mensch zu ersinnen 
v^niag, so : ,The Pit and the Pendulum* aus den Kerkern 
der ^aiiißdieu. Inquisition, ,The Descent into the MaeU 
ström*, ,Tbe prämature burial* die Schrecken des lebendig 
Begrabeasems malend, die Geschichte Arthur Pyms von 
Nantücket mit Meuterei, Schifibruch, Hunger lind schliess- 
lich Massakre auf einer Insel unter dem 84. südlichen 
Breitengrad enthaltend. Hier wird mit, man möchte sagen, 
Küttstfertigfceit, das allmälige Anwachsen der Gefahr und 
der Todesangst beschrieben. — Dass die Poesien Poes 
eiiiÄ unklare, schwermütige Stimmung aussprechen und 
iii 4ä« Tageslicht Gespienster steigen lassen, ist aus ,The 
Raven* hinlänglich bekannt. — Und dieser Mann, dem in 
seinem Leben und in seinen Schriften so viel Züge an- 
haften, die auf einen dem Humor vollkommen feindlichen 
Ciiarakter hindeuten, ja auf die Unfähigkeit, Humor zu 
hegpdXeüy h^ auch Humoristisches geschrieben. 

Fceüidi ist das eigener Art. Die Gutmütigkeit in 
dem Kapftel über die Autogriaphe, in den Kritiken, welche 
den Wert selbständiger Arbeiten haben, ähnelt sehr jeher 
der Katze, die mit der Maus spielt. Doch zeigt 'die 
Würdigung von Dichtern und die ,Literati of New York*, 
dass Poe Verständniss hat für feinen Scherz. So ist ihm 
auch in ,HansPfaall* eine, vortreffliche Erzählung gelungen, 
die nach mehr als einer Seite hin interessant ist. Hans 
Pfaall, Bürger von Rotterdam und Mechanikus wird von 
Gläubigern arg bedrängt. Der kunstreiche Mann konstruiert 
einen Luftballon, lädt seine Gläubiger Nachts ziir bestimm- 
ten Stunde, sprengt da sie in die Luft, sich selbst 
mit dem Ballon gegen den Mond. Die Reise ist das Wich^ 
tigste. Es wird nach dem Stande der Naturwissenschaften 
vor 40 Jahren, die Möglichkeit der Fabel dargetan, ferner 



Digitized by VjOOQIC 



IS 

werden die wissenschaftlichen Beobachtungen, die Hans 
Pfaall vornimmt, beschrieben und schliesslich vom Monde 
aus durch einen Bewohner dieses Gestirns ein Bericht an 
den Rotterdamer Bürgermeister abgesandt. 

Heute sind die Romane von Jules Verne weltbekannt 
und berühmt, sie gehen auf die Erzählung Poes zurück. 

Sehr lustig ist, wie Scheherazade dem König in 
der Nacfil 1002 die Wunder der modernen Erfindungen 
berichtet. Der erlauchte Zuhörer, welcher die Geschichten 
von Sindbad und Aladdin treulich geglaubt hatte, wird 
sehr erbost über die Zumutung, die seine Gemalin an ihn 
stellt, die höchst launige Schilderung von Eisenbahn, 
Dampfboot und Telegraph für wahr zu halten. 

Poes Sprache ist unrein. Die Menge neuer Ablei- 
tungen aus dem Latein macht die Lektüre unbehaglich, 
trotz des raschen Flusses der Sätze. In seinen Gedichten 
hat Poe dagegen die Sprache behandelt wie ein musi- 
kalisches Instrument. Selbst Tennyson hat nie ein so 
melodiöses Gedicht geschrieben , wie ,The bells* von 
Edgar Allan Poe. 

Zarter und weicher, sinniger und gemütvoller, alles 
zusammen — liebenswürdiger als Poe ist Nathaniel Haw- 
thorne. Die Delikatesse seiner Darstellung, die Feinheit 
seiner Schreibweise, die Wahl hochromantischer Stoffe 
hat ihn zu einem der beliebtesten und geachtetsten Dichter 
Amerikas gemacht. Noch frisch ist der Eindruck von der 
Nachricht seines Todes im Gedächtniss. 1807 ist der 
Dichter geboren. Nachdem er ausgebreitete Studien ge- 
macht hatte, trat er als Zollbeamter in den Staatsdienst, 
erhielt bei der Wahl Pblks zum Präsidenten ein ange- 
sehenes Amt, verlor es aber als Taylor die Präsident- 



Digitized by 



Google 



74 



schäft übernahm. Inzwischen hatteA seine Schriften ihn 
berühmt gemacht. Selbst die kleinen Aufeätze seiner er- 
sten Zeit, welche beim Erscheinen übersehen worden war 
ren, verlangte, man neuerdings. Hawthorne sammelte sie 
unter dem Titel ,Twice told Tales.* Er lebte dann durch 
mehrere Jahre als Generalkonsul in Liverpool und hat dort 
auch seine ,P.assages fromt the . English Note-books' ge- 
schrieben, die voll feiner Beobachtungen englischer Sitten 
und Zustände sind. Hawthornes beste Arbeiten sind seine 
kleinen erzählenden Aufsätze, so die ,Mosses from an old 
Mause*. Ich habe früher Hawthorne mit unserem Raabe 
verglichen. Beide besitzen die Fähigkeit, alltägliche Dinge 
romantisch aufzufassen, ihnen durch wenige Worte den 
Anstrich des Ungewöhnlichen zu geben, nie aber des 
Schauderhaften und des Grässlichen. Hawthorne hat vor 
F'oe das Mass voraus: Seine Schilderungen sind zwar 
phantastisch, deswegen jedoch nicht unwahr, nur sieht 
Hawthorne mehr als Andere und stets mit dem Auge 
des Poeten. Solche Talente kommen gebührend nur in 
kleineren Arbeiten zur Geltung. So kunstvoll desshalb ,The 
Scarlet letter* und ,The House of the Seven Gables* kom- 
poniert sind , so stehen sie doch hart ' an der Grenze 
des Manierierten. Vollkommen verfehlt scheint mir der 
dritte Roman ,Transformation or the Romance of Monte 
Beni*. Hier ist Hawthorne aus seiner ihm eigenen unbe- 
strittenen Region getreten. Die Kraft, mit der von ihm 
die wunderbaren kleinen psychologischen Probleriie ge- 
löst würden , reicht nicht zur Bewältigung der grossen 
Konstruktion. Auch nimmt man auf jedem Blatte wahr, 
dass dem Dichter der Boden Italiens, auf dem der Roman 
spielt, fremd ist und dass er das Lokal riiclit so weit 
beherrscht, um es durch die minutiöse und doch so ffes- 



Digitized by 



Google 



75 



seliide Schilderung, wie seine übrigen Werke sie bieten, 
zum Teilnehmer der Handlung zu mächen. 

Es ist merkwürdig, dass trotz vieler Unfälle eng* 
lische und amerikanische Schriftsteller durch den Anblick 
Italiens sieh immer wieder gedrungen fühlen , es zum 
Schauplatz ihrer Poesien zu mächen. Da hilft die ge- 
niale Begabung für das Beschreiben nicht weiterj Land 
und Leute können hiVchstens gemalt werden, sie sind 
aber nie von der Aktivität erfüllt , welche die Ge- 
stalten der heimischen Erde besitzen. In der deutschen 
Litteratur sind wir nicht so reich an solchen Früchten 
italienischer Reisen und doch dünkt uns schon das Ko- 
stüm abgebraucht und fadenscheinig. Däss es nur an dem 
Fremden liegt, der nicht sehen kann oder der vielmehr 
mit der festen Absicht kommt, Sonderbares zu sehen und 
jeder Trasteverinerin einen Roman aus den Augen zu 
lesen, dass es nicht am Volke liegt, wenn die alten Puppen 
noch vor ims tanken müssen, sieht man am klarsten aus 
den Novellen Däir Ongäros. Dort leben die Italiener des 
XIX. Jahrhunderts. Für unsere Poeten sind sie ebenso 
gut nur Modelle, wie für unsere Maler und Bildhauer. 

Die beiden Prosaisten, Poe uiid Hawthorne, haben 
ihre Gegenstücke in den Poeten Dana und Longfellow. 
Es herrscht vollkommener Parallelismus. Dagegen stehen 
Whittier, vor allem aber William CuUeri Bryant, der 
grösste Dichter der neuen Welt, abseits von der genann- 
ten Gruppe. Der Genius ihrer Schöpfungen ist die reinste 
Liebe zum Vaterlande, seine Grösse entflammt ihre Be- 
geisterung. 

Aus demselben ewig frischen Quell schöpft die Trias 
amerikanischer Humoristen der Gegenwart : Thomas Bai • 
iey Aldrich, Mark Twain und ßret Harte. 



Digitized by 



Google 



76 

Thomas Bailey Aldrich erzählt einen Teil seines 
Lebens selbst in der reizenden Geschichte eines bösen 
Buben. Diese Geschichte ist zugleich das Hauptwerk ihres 
Verfassers. Denn ,Prudence Palfrey* hält damit keinen Ver- 
gleich aus. Gut geschriebene Schulknäbengeschichten sind 
immer ihres Erfolges sicher. Ausser einer netten Erzäh- 
lung des Freiherrn von Gaudy und den lieblichen Skiz- 
zen von Rudolf Reichenau, welche jedoch nicht die nö- 
tige Begeisterung für Knabenstreiche aufweisen, besitzt 
die deutsche Litteratur nichts dergleichen. Boz hat in den 
,HousehoId Words' eine köstliche Studie veröflFentlicht, ,Our 
tub school*, sie enthält leider nur Beschreibung. Sie wird 
weit übertrofFen durch das vortreffliche Buch von Hughes : 
,Tom Brownes Schooldays^ das voll trockenen Humors 
steckt. Die Geschichte des bösen Buben überragt Alles: 
Sie trägt in den meisten Zeilen die Garantie in sich, dass 
sie nicht erfunden, sondern wahr sei. Die Possen und 
Spitzbübereien der Zöglinge der Temple Grammar School 
sind nicht bösartig, auch nicht phantastisch toll, sondern 
einfach lustig. Und wie herrlich ist nicht der gediegene 
Ernst, mit dem Bailey die Erlebnisse der Zeit berichtet, 
die schon mehrere Jahrzehnte hinter ihm liegt. Da besteht 
unter den Knaben eine geheimnissvolle Verbindung, die 
Centipeden genannt, jedes Mitglied trägt einen Cent mit 
einem Bindfaden um den Hals geschlungen. Nur mit 
Schwierigkeiten, unter erschrecklichen Proben des Mutes 
und der Standhaftigkeit , unter mysteriösen Ceremonien 
wird der Neuling in diesen Bund der Verschwörer auf- 
genommen. Zweck des Vereines, grosse Unternehmungen 
gemeinschaftlich auszuführen. Zum Beispiel eine Schnee- 
sehanze errichten, die eine Belagerung aushalten muss, 
Oder — und das ist nun freilich der höchste Triumph 



Digitized by VjOOQIC 



77 



-^ Folgendes : An der Werft Von Rivermouth, dem Schau- 
platz der Erzählung, liegt ein Dutzend alter eiserner la- 
kierter Kanonen. Sie sind unbrauchbar und haben Voll- 
kugeln auf die Mäuler gelötet, ledigüch zu dekorativen 
Zwecken. Da fasst Tom Bailey der ingeniöse Gedanke, 
wie es denn wäre, wenn man die alten Dinger mit Pulver 
wieder lebendig machte. Die Zustimmung ist allseitig. 
Eine Generalversammlung der Centipeden . treibt die Gel- 
der auf, zwölf der rostigen Rohre werden gereinigt 
und geladen, mit einer Minutenluntc verbunden und 
Tom Bailey, dem Urheber der glücklichen Idee, wird 
durch Loosen das Ehrenamt zugeteilt, in mitternächtiger 
Stunde die Lunte anzünden zu dürfen. Es geschieht. Mau 
kann sich nun das Spektakel denken, welches in der 
guten Hafenstadt Rivermouth losbricht, als um die be- 
stimmte Zeit Baileys Batterie zu dröhnen beginnt. Der 
bekannte ,älteste Einwohner', erinnert sich keiner solchen 
Schreckenstat und glaubt an den Einfluss böser Geister. 
Die Sache bleibt ünentdieckt. Die Gravität des Erzählers 
ist der Hauptspass und seine Fähigkeit, kleine komische 
Affairen durch ernsthafte, pathetische Worte darzustellen 
ist bewunderungswürdig. So die kleine Szene von deni 
zerlumpten Jungen auf der Werft^ zu Boston, welcher 
so wütend wird, dass er sich eine Weile auf (len Kopf 
stellen muss, um seinen Seelenfrieden wiederzugewinnen. 

Das Meisterstück einer Charakterstudie lieferte Al- 
drich im Governor Dorr, dem poetischen Hallunken. 

Man kann nicht sagen , dass Aldrich ein grosser 
Dichter sei. Freilich steht er, wie wir hoffen, noch lange 
nicht am Ende seiner Tätigkeit. Aber er ist ein feiner, 
geistreicher Schriftsteller, voll der besten Laune und der 
liebenswürdigsten Heiterkeit. 



Digitized by 



Google 



78 

Wir steigen in der Trias auf. Mark Twain ist Jour- 
nalist im ausgedehntesten Sinne des Wortes. Während 
das Gesicht von Aldrich mit fröhlichem Behagen in die 
Welt sieht und wir an der Stirn Bret Hartes den Dichter 
erkennen, zeigt Mark Twains Physiognomie den tadel- 
losen Yankee, mit scharfblickenden Augen, keineswegs 
heiter. Man könnte ihn für einen guten Kriminalisten hal- 
ten, bewiesen nicht einige Fältchen um den Mund, dass 
er gerne lacht. — Samuel Langhorne Clemens ist am 
30. November 1835 zu Florida, Missouri geboren. Seine 
Studien erstreckten sich nicht über die Bezirksschule, Mit 
1 2 Jahren Druckerlehrling, schrieb er mit 13 Jahren den 
ersten Artikel in die Zeitung. Nachdem er sieben Jahre 
als Pilot auf einem Missisippidampfer gearbeitet und dort 
das Pseudonym Mark Twain für sich gefunden hatte, be- 
gab er sich nach Nevada und trieb sich nun mit wech- 
selndem Glücke bald reich , bald und meistens arm in 
Kalifornien und den Minen umher, lebte auch einige Zeit 
als Korrespondent auf den Sandwichinseln. Mit einer öffent- 
lichen Vorlesung humoristischer Schilderungen begann sich 
seine Laufbahn glänzend zu gestalten. Er hat seither all- 
jährlich solche Vorlesungen gehalten, freilich nicht mehr 
des Erwerbes halber, da seine Frau eine Viertelmillion 
Dollars geerbt hat. 

Mark Twains umfangreichste Schrift ist die humo- 
ristische Schilderung einer Reise durch Europa. Es ist 
eine Gesellschaftsreise über den ganzen Kontinent und 
.den üblichen kleinen Teil Vorderasiens. Die Erzählung 
ist halb ernsthaft, halb scherzend. Sie ist vielfach falsch 
beurteilt worden. Denn die Äusserungen übertriebenen 
Nationalsgefühls sind nur persifflierend, wie man das auch 
jenseits des Ozeans wol verstand. Dass man von einem 



Digitized by CjOOQIC 



79 



Touristen, der mit der Eisenbahn die Länder durchfliegt, 
keine eingehenden Studien erwarten kann, ist selbstver- 
ständlich. Was zu sehen war, hat Mark Twain scharf und 
gut gesehen. Die Berichte, welche er über die Reisege- 
sellschaft selbst gibt, sind sehr lustig. Im Ganzen aber 
ist der Eindruck des Werkes am Kontinent kein über- 
mässig günstiger gewesen, umso mehr in Amerika, wo 
binnen kurzer Zeit 112000 Exemplare des Buches ab- 
gesetzt wurden. Die Ansprüche, welche ein Europäer an 
Beschreibungen von Ländern, wie Frankreich, Italien 
oder auch Palästina stellt, sind durch die vorhandenen 
vorzüglichen Leistungen sehr hoch gespannt. Dazu kommt, 
dass wir vieles in unserer Art, was der Amerikaner für 
komisch hält, sehr ernsthaft nehmen, den Scherz nicht 
begreifen, uns in die Anschauung, aus welcher er ent- 
sprungen ist, gar nicht hineinzudenken vermögen, ja viel- 
leicht sogar uns verletzt fühlen. 

Der besten Wirkung überall und immer werden 
Mark Twains kleine Aufsätze und Skizzen sicher sein. 
Sie sind auf des Verfassers Kreuz- und Querzügen ent- 
standen, zuerst in Zeitschriften gedruckt, dann in den 
Vorlesungen ausgebeutet, endlich in Buchform zusammen- 
gestellt worden. Die erste und eine der berühmtesten ist 
die vom Springfrosch in Calaveras County. Jim Smiley 
ist passioniert auf Wetten. Um immer ein Objekt dazu 
bei Hand zu haben, richtet er verschiedene Tiere ab. 
Sein bestes zeigte er an einem Frosch, der nach drei- 
monatlicher Erziehung — Daniel Webster wurde er ge- 
nannt — auf Kommando ungemein hoch sprang. Ein 
Fremder meinte einst, er möchte wol mit Smiley die Wette 
eingehen, dass irgend ein anderer Frosch besser spränge, 
wenn er nur einen hätte. Smiley holt aus dem nächsten 



Digitized by 



Google 



80 

Sumpf einen, das Wettspringen soll beginnen, aber Da- 
niel Webster bleibt sitzen so solid wie ein Anibos und 
bewegt sich nicht vom Fleck, als ob er Anker geworfen 
hätte. Smiley zahlt und nimmt dann mit Schmerz wahr, 
dass der Fremde den guten Daniel Webster bis an den 
Hals mit Schrottkörnern gefüllt hatte. An der Geschichte 
ist an und für sich nicht allzuviel. Aber wie ist sie von 
dem alten Simon Wheeler erzählt! Sie ist dadurch ge- 
radezu zum Kunstwerk geworden. — Ein anderes. Mit 
einer Anzahl transparenter Bilder des alten und neuen 
Testamentes zieht ein Mann umher, ihn begleitet ein alter 
halbtauber Pianist, der Ouvertüren spielt und die Pausen 
der Produktion ausfüllt. Es wird mit diesem besprochen, 
dass zu den einzelnen Bildern passende Melodien gefügt 
werden sollen. Bei der Aufführung spielt der alte Pianist 
aber Melodien, deren Texte auf ganz wunderliche Weise 
mit den dargestellten Bildern und den rührenden Worten 
des Darstellers in Widerspruch stehen. Prächtige Humo- 
resken sind die Schilderungen des Zeitungswesens in Te- 
nessee, die Erzählung, ,wie 'ich ein landwirtschaftliches 
Journal herausgab*, die Berichte über die gute Gesell- 
schaft auf den Sandwichinseln u. s. f. Wunderhübsche 
kleine Bilder aus dem Kinderleben sind mit eingeheftet 
und das schematische Weihnachtsbuch mit dem Ideal des 
guten Knaben ist in der ,History of a bad boy* trefflich 
und mit grosser Heiterkeit abgefertigt. Das Terrain von 
Mark Twains Scherzen und Humor ist die Hyperbel. Ge- 
nügend sind die Übertreibungen amerikanischer Journale 
bekannt, welche mitunter sehr sinnreich erfunden sind. 
Mark Twain repräsentiert diese nationale Eigenheit, aber 
in spasshafter Weise. Mit der Fähigkeit diese Hyperbel 
zu erfinden und zu verknüpfen, ohne dabei roh und tri- 



Digitized by CjOOQIC 



81 ' 

vial zu werden, verbindet Mark Twain das beneidens- 
werte Talent, die gewöhnlichste Geschichte wie ein Produkt 
des köstlichsten Humors zu erzählen. Er sieht den Dingen 
und Personen die komischen Seiten, deren wir wegen der 
Gewöhnlichkeit des Objektes vergessen, rasch ab und 
beutet sie fast dramatisch aus. Mark Twains Schreibweise 
ist rauh. Sie zeigt deutlich, dass der Autor nicht durch 
Klassiker, sondern durch das. Leben und die Zeitung ge- 
bildet wurde. Mit der Härte verbindet sich aber grosse 
Kraft und Frische, und da Twains Darstellungen selten 
weit gesponnener Perioden bedürfen, so empfindet man 
kaum den Mangel an Glätte und Zierlichkeit. Es ist selbst- 
verständlich, dass wirklicher Witz und zwar sehr geist- 
reicher diese Vorzüge unterstützt. Mark Twain hat sicher 
den wichtigeren Teil seiner Laufbahn noch vor sich. — 

Bret Harte ist der dritte des Bundes. Er ist mit 
den beiden letztgenannten Humoristen persönlich vertraut. 
Mit Mark Twain gab er den ,Californian* heraus, mit 
Aldrich spielt er in New- York Billard. Er überragt seine 
Genossen weit aus. Auch sein Leben war bunt genug. 

Geboren zu Albany (New- York) 1839, gj^^^g ^^ 
1854 nach Kalifornien, trieb sich mehrere Jahre in den 
Minen herum, liess sich 1857 in San Francisco nieder, 
leitete daselbst mehrere Zeitschriften, deren wichtigste ,The 
Californian* ist^ war einige Zeit Beamter, wurde dann 
Professor der Poesie und Rhetorik an der hohen Schule in 
San Francisco, und siedelte zuletzt nach New- York über. 
Bret Harte ist Prosaist und Poet zugleich. Es dürfte schwer 
fallen zu sagen, welcher von beiden in ihm bisher das 
Bessere geleistet. Man kennt in Deutschland von seinen 
Arbeiten vorzugsweise die ,Tales of the Argonautes'. Ar- 



Schönbach. Über die humor. Prosa des XIX. Jahrb. 



Digitized by CjOOQIC 



82 

gonauten sind die Menschen, welche das moderne gol- 
dene Vliess suchen. Der Schauplatz ist Kalifornien und 
das Felsengebirge. Goldgräber, Spieler, Räuber, Trunken- 
bolde und Frauen kaum mehr zweideutigen Rufes sjnd 
die Personen, mit denpn Bret Harte sich beschäftigt. Sie, 
der Abschaum des Ostens, bilden bie Bevölkerung der 
aus der Erde wachsenden Minen und Eisenbahnstädte. 
Von den prächtigen Skizzen Mark Twains aus Nevada 
werden Bret Hartes Schilderungen ergänzt. Sie be- 
handeln fast alle dasselbe Problem. Sie suchen nachzu-. 
weisen, dass der verdorbenste, roheste Mensch, bei aller 
Erniedrigung, bei allen Lastern und Freveln immer noch 
eine des Guten fähige Stelle in seinem Herzen besitzt. 
In vielen Fällen freilich ist diese Regung des Guten nur 
ein ganz äusserliches Mitgefühl, vielleicht hergestellt durch 
das Unbehagliche im Anblick des Leidens, ein Mitgefühl 
— wie Aldrich hübsch sagt — dünn wie Briefpapier und 
kurzlebig wie jene Mücken, die im Laufe einer einzigen. 
Stunde geboren , Urgrossväter werden und sterben — 
aber doch ein Mitgefühl. Und manches Bessere geht 
davon aus. Ein einziger braver Gedanke, eine einzige 
warme Empfindung fordert durch ihren Kontrast zu dem 
Uriigebenden heraus und steigert sich selbst, denn auch 
das Gute muss fortzeugend sich gebären. Mit der grössten 
Geschicklichkeit ist das Thema behandelt in ,The Luck of 
Roaring Camp*. Roaring Camp ist ein kleines Dorf von 
Goldgräbern bewohnt und selbst unter den Nachbarn be- 
rüchtigt durch seine Rohheit und Schlechtigkeit. Dort 
bringt ein armes Weib einen Knaben zur Welt und stirbt. 
In dem ganzen Lager war sonst keine Frau und so se- 
hen die Männer sich genötigt, für den Knaben zu sorgen. 
Eine Ziege wird herbeigebracht, sie und Stumpy, ein 



Digitized by CjOOQIC 



83 

älterer Mann, für den die Übrigen arbeiten, pflegen den 
Kleinen. Es soll zur Taufe kommen. Der Witzbold des 
Lagers hat sich eine köstliche Ceremonie ausgedacht, in 
welcher die kirchlichen Formen gehörig verspottet wer- 
den sollen. Als der Akt aber ausgeführt werden muss, 
fehlt den Strolchen von Roaring Gamp der Mut, mit ein 
paar einfachen Worten nehmen sie das Kind auf in die 
menschliche Gemeinschaft. Der folgende Teil der Erzäh- 
lung ist ausgefüllt mit vortrefflichen Schilderungen des 
Einflusses, welchen die Gegenwart des hilflosen Geschöpfes 
auf die Goldgräber übt. Zuerst erscheint es notwendig, 
dass, wer das Kind sehen wolle, sich vorher waschen 
müsse; um den Schlaf des Kindes nicht zu stören, wird 
das nächtliche . Lärmen untersagt und nur ein einziges 
langsam melancholisches Seemannslied : ,On board of the 
Arethusa', seiner einschläfernden Melodie wegen gestattet, 
Allmälig verwandelt das ganze Lager seine Charakter, 
wird nüchtern und friedfertig. Da — im Winter 1851 tritt 
durch geschmolzenen Schnee angeschwellt, der North 
Fork über die Ufer und füllt das Tal von Roaring Camp 
aus. Als die Flut geschwunden ist, findet man das Kind 
todt in den Armen eines sterbenden Mannes. Was aus 
Roaring Camp dann noch wird , erfahren wir nicht, 
wahrscheinlich ist es wieder so roh und lüderlich ge- 
worden, wie vor der Ankunft des Glückskindes. 

Ich brauche auf die Analyse der übrigen Argo- 
nautenerzählungen nicht einzugehen. Sie fesseln durch dop- 
peltes Interesse. Durch die strengrealistische, spannende 
Schilderung des kalifornischen Lebens, das in seiner gan- 
zen Fremdartigkeit vor uns sich auffaltet und wieder durch 
den hohen Idealismus, der verklärend über die Szenen 
menschlicher Verworfenheit emporsteigt. Das Bindemittel 



6* 



Digitized by CjOOQIC 



84 



zwischen beiden ist Bret Hartes Humor. Diesen vermögen 
wir jedoch in andern Arbeiten des Dichters besser und 
reiner zu erkennen. Vortrefflich erzählt sind die Legen- 
den, ohne gerade bedeutend zu sein. Köstlichen Spass 
geben seine ,Condensed Novels* ab. Bret Harte presst 
in je eine dieser kleinen Geschichten die Eigentümlichkeiten 
eines berühmten Schriftstellers grotesk übertrieben zusam- 
men. Viktor Hugo, Alexander Dumas, Cooper, Dickens 
werden vortrefflich parodiert. — Für Bret Hartes beste 
Schriften — bisher bekannte Schriften — möchte ich die 
,Civic and Charakter Sketches* halten. Es sind Feuilletons. 
Ein Strassenjunge, ein Hund, die Fatalitäten des Woh- 
nungswechsels, Bettler, eine Serenade und Ähnliches sind 
die Gegenstände der Schilderungen. Ohne nur um Haares- 
breite von der Wahrheit abzuweichen, gibt Bret Harte 
allen diesen, einfachen Objekten ein so liebenswürdiges, 
heiteres Aussehen, dass wir entzückt sind und nur fragen, 
woher es kommt, dass wir den Strassenjungen, den schmu- 
tzigen Hund nicht immer so angesehen haben. Das All- 
täglichste gewinnt unter Bret Hartes humoristischem Zau- 
berstabe — ganz wie bei Nathaniel Hawthorne in anderer 
Richtung — eine fröhliche Gestalt, deren Anblick den 
trübsten Sinn erheitert. Von Twains Skizzen unterscheiden 
sich die Bret Hartes dadurch, dass auch nicht die lei- 
seste Polemik, nicht eine harte Bemerkung mit unter- 
läuft. In einem kleinen Aufsatze hat Bret Harte den guten 
Einfall, das am Ende des XIX. Jahrhunderts durch Erd- 
beben und Hochflut verschlungene San Francisco ein paar 
Jahrhunderte später durch einen deutschen Geologen wie- 
der ausgraben zu lassen. Mittelst eines Systems von Sy- 
phons wird die Bai ausgetrocknet, die Stadt blossgelegt. 
Bret Harte nutzt seine Beschreibung nur zu ganz harm- 



Digitized by 



Google 



85 



losen Scherzen aus, Mark Twain hätte sich eine satirische 
Szene gewiss nicht entgehen lassen. 

Bret Hartes Gedichte sind teils humoristisch, teils 
ernsthaft. Einige der ersteren Gattung hat er im Dialekt 
abgefasst, den er mit grosser Leichtigkeit handhabt. Das 
berühmteste ist ,The Soziety upon the Stanislaus* und erzählt 
von einer Gesellschaft naturforschender Dilettanten, in 
deren Sitzungen die Auffindung eines versündflutlichen 
Thieres so lange diskutiert wird, bis es sich herausstellt, 
däss die Knochen einem von Jones verlorenen Maulthiere 
angehören. Vortrefflich ist ,The Stage Driver's Story*. 
Den grossen Abhang von Geiger Grade rollt mit ra- 
sender Schnelligkeit die Postkutsche. Sie verliert ein 
Rad, rollt auf dreien weiter, das fehlende läuft hinter- 
drein, verliert ein zweites, drittes Rad, das vierte eben 
vor der Poststalioh im Tale. Die drei Deserteure stellen 
sich ruhig wieder ein. Die Humoreske ist in Hexa- 
metern geschrieben und beweist Bret Hartes grosse Herr- 
schaft über die Sprache. Unter den ernsten Gedichten 
zeichnen sich alle die aus, welche auf den grossen Krieg 
sich beziehen. Neben so ergreifenden Schilderungen wie 
John Burn of Gettysburgh* ,Hovv are you, Sanitary !* und 
,Relieving Guard', hat er das herrliche, tief erschütternde 
Kriegslied ,The Reveille' gedichtet. Die hohe Begeiste- 
rung des Kampfes für das Glück der Heimat spricht aus 
jedem Wort und hat diesen Strophen an allen Wacht- 
feuern des Heeres der Union und an allen Kampftagen 
die erste Stelle heben dem grossen Hymnus an Vater 
Abraham verschafft. 

Neuestens hat Bret Harte einen Band Erzählungen 
und Gedichte unter dem Titel ,Idyls of the Foothills* ver- 
öffentlicht. Die Erzählungen bekunden einen wesentlichen 



Digitized by 



Google 



86 



Fortschritt darin, dass das Lieblingsthema verlassen und 
umfangreicherer Stoff aufgesucht wurde. Die Kraft des 
Dichters ist im Wachsen. Das. bezeugt auch ,Luke*, sein 
neues Gedicht, vielleicht sein schönstes. 

Washington Irvings Skizzenbuch ist das Vorbild 
der modernen amerikanischen Humoristen. Die Behand- 
lung ganz leichter, kleiner Episoden, die flüchtig schei- 
nenden und doch sorgfältigen Zeichnungen, die detaillierten 
Charakterstudien und die bescheidenen Stimmungsbilder 
in diesem trefflichen Werke geben immer den Ton an 
und die Technik der drei zuletzt genannten Humoristen 
geht auf Diedrich Knickerboker zum grossen Teil zurück. 
Zum kleinen Teil auf das Geschäft des Journalisten, aus 
dem die Trias aufgestiegen ist. 

Washington Irving und seine Nachfolger, welche 
das von ihm Begonnene fortsetzen, es erweitern, ver- 
vollkommnen, arbeiten wieder anders als Engländer und 
Deutsche. 

Die stoffliche Grundlage für den amerikanischen 
Humor bildet der vollkommene Realismus. 

Der Amerikaner photographiert die Menschen und 
die Natur. Er kann gar nicht anders, als die Dinge so 
erzählen, wie sie sind. Seine Schilderungen sind sehr 
wenig von Phantasien beeinflusst, seine Charaktere be- 
zeugen keine Erfindungskraft, er gibt nur, was er sieht. 
Die poetische Arbeit beginnt für ihn später. Er retouchiert. 
Er setzt dem realistischen, streng realistischen Bilde allerlei 
mitunter kaum bemerkbare Lichterchen auf, w^elche die 
äusseren Kontouren bald weniger düster erscheinen lassen 
und über alles ihre harmonischen Strahlen ausgiessen. 
Das Feuilleton ist die Geburtsstätte des Humors der ame- 



Digitized by 



Google 



87 



rikanischen Litteratur. In einer Feuilletonskizze aus dem 
Leben kann man nicht lügen. Was der Leser hier von 
dem Schriftsteller erwartet, ist, dass er in die Treue der 
Darstellung kleine Bemerkungen bringe, die als Zutaten 
erkeimbar sind, aber doch dazu dienen, dem Ganzen eine 
gewisse Tendenz zu verleihen. Der äussersten Objekti- 
tivitüt hat der Autor sich in der Schilderung selbst zu 
befleissigen. Bret Harte stellt es in jeder Erzählung, in 
jedem Essay dem Leser frei, die Personen, die Handlung, 
die Sache anders anzusehen, als der Verfasser. Er sucht 
freilich die Meinung zu dirigieren, aber er darf diess 
nicht merken lassen , er verletzte sonst das autonome 
Gefühl des Lesers, der selbst urteilen will. 

So ist auch die Eigenheit des amerikanischen Humors 
begründet in seiner Entwicklungsgeschichte, in den Ver- 
hältnissen des Landes und Volkes. 

Dass sich diess überall so verhalte und dass jede 
litterarische Erscheinung durch den Boden, in dem sie 
wurzelt, durch die Luft, aus welcher sie ihre Lebens- 
kraft saugt, bestimmt werde, scheint ganz einfach, ja 
selbstverständlich. Und doch hat der Standpunkt des Hi- 
storikers, welcher die Erscheinungen nur zu begreifen 
sucht in ihrem Werdegange, nicht die Geltung, die ihm 
gebührt. 

Es hat sich gegen die historische Betrachtungsweise 
des geistigen Lebens der schwere Vorwurf erhoben, dass 
sie, welche jedes Phänomen auf seine Elemente zurück- 
zuführen und diesen die Stelle ihres Ursprungs anzuweisen 
sucht, die gelehrte Forschung zu blossem Zersetzen ernie- 
drige, die Freude am Leben als einem Resultat historischer 
Kräfte, lähme, das Leben selbst farblos mache, und die 



Digitized by 



Google 



88 

Gesetzlosigkeit fördere, da sie das Individuum seiner 
persönlichen Verantwortlichkeit entlaste. ^ 

Dieser Vorwurf ist nichtig. Zwar ist die historisch 
philologische Arbeit rastlos bemüht , die Schleier zu 
lüften, welche langsam hinwandelnde Jahrhunderte über 
das Aufsteigen des Menschengeschlechtes gebreitet haben ; 
auch ist es wahr, dass sie darnach strebt, den Anteil zu 
erkennen , welchen an jedem Fortschritte die Sphäre 
hat, in der er entstanden ist. Aber damit lehrt sie uns 
nur bescheidene Selbstzucht. Indem sie ferner durch den 
Nachweis der Entwicklung des Menschengeistes uns einen, 
wenn auch engen Raum schafft m dem gesetzmässig ge- 
leiteten Organismus des Weltalls, stärkt sie unser Selbst- 
gefühl, erhöht sie unsern Pflichttrieb. 

Vor Allem steht sie im Dienste der vornehm- 
sten Göttin. Auf weithin sich dehnendem Unterbau, der 
unzerstörbar aufgerichtet ist aus dem zähen Material aller 
der Irrtümer und Täuschungen, von denen der Sinn sterb- 
licher Kämpfer befangen w^ar, erhebt sich das Bild der 
Hehren in nie vergehender , strahlender Schöne, — es 
ist die Wahrheit. 



■00«^0«- 



Digitized by CjOOQIC 



Verzeichniss 

der besprochenen Schriftsteller. 



Aldrich 76 ff. 

Andersen 36. 

l^jörnstjerna Bjornson 36 f. 

Hoz 7 ff- 

Bret Harte 81 ff. 

Brown 61. 

Cooper 62 ff. 

Eliot. 16 ff. 

Fielding 12 f. 

Freytag 40 ff. 

Gutzkow 45. 

Hackländer 43 f. 

Hawthorne 73 f. 

Hoffmann 35. 

Holtei 44 f. 



Jean Paul 30 ff. 
Irving 65 ff. 
Lever 24. 
Mark Twain 78 ff. 
Poe 70 ff. 
Raabe 48 ff. 
Reuter 45 ff. 
Smollet 13 f. 
Sterne 14. 
Steub 51. 
Stolle 28 f. 
Thackeray 14 ff. 
Tieck 34. 
Wetterbergh 36. 
Zschokke 38 f. 



•oa>cM»- 



Digitized by 



Google 



Digitized by VjOOQIC 



Digitized by VjOOQIC 



Digitized by CjOOQIC 



YC 02278 




Digitized by CjOOQIC 



Digitized by VjOOQIC